Von der Agrargesellschaft zur Wissensgesellschaft
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Seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre wird in Politik und Wissenschaft wieder verstärkt auf das schon in den 1960er und 1970er Jahren vorgeschlagene Konzept der Wissensgesellschaft zurückgegriffen. Die Begriffe Wissensgesellschaft, Wissensarbeit, Wissensmanagement, Wissensmaschinen oder wissensbasierte Organisation haben ihren Platz in Festreden, in Forschungsprogrammen und in bildungspolitischen Leitlinien erobert.
Wenn die Definition des Begriffs Wissen derartige Schwierigkeiten bereitet, dann sind gewiss auch folgende Fragen erlaubt:
- Was genau bezeichnet der Begriff Wissensgesellschaft?
- Wodurch unterscheidet die Wissensgesellschaft sich von anderen Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens?
Ich halte es für eine gute Strategie, einen Blick zurück zu wagen und andere Gesellschaftsbegriffe zu betrachten, um sich dem Begriff Wissensgesellschaft historisch anzunähern.
Agrargesellschaft
Eine Gesellschaft mit einem hohen Anteil an Beschäftigen im primären Wirtschaftssektor (Bergbau, Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft) bezeichnet man als Agrargesellschaft. Deren Wirtschaft beruht hauptsächlich oder ausschließlich auf nichtindustrieller Landwirtschaft. Kennzeichen sind geringe Arbeitsteilung, starke Selbstversorgung und geringe Pendelwanderung der Beschäftigten. Handel mit landwirtschaftlichen Produkten findet nur in geringem Maß statt, sodass der überwiegende Teil der Bevölkerung in der landwirtschaftlichen Produktion beschäftigt ist.
Alle europäischen Gesellschaften waren vor der industriellen Revolution Agrargesellschaften – Deutschland bis Ende des 19. Jahrhunderts. Die wenigen kleinen Städte waren jeweils in ein größeres agrarisch geprägtes Umfeld eingebettet, das diese mit Lebensmitteln versorgte.
Industriegesellschaft
Die Agrargesellschaft wurde durch die Industriegesellschaft abgelöst, eine Gesellschaftsform mit einem technisch-wirtschaftlich hohen Standard. Sie zeichnet sich aus durch
- ein ausgeprägtes Fortschritts-, Leistungs- und Erfolgsstreben,
- ein hohes Ausbildungsniveau,
- einen hohe Grad an Arbeitsteilung und damit zusammenhängend eine permanente Steigerung der Produktivität,
- eine hohe vertikale und horizontale Mobilität,
- die räumliche Trennung der verschiedenen Lebensbereiche,
- einander ablösende Zentren von Industrie und Handel,
- Verstädterung und
- den Funktionsverlust von Familie und Verwandtschaft.
Deutschland war bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts eine Industriegesellschaft.
Dienstleistungsgesellschaft
Häufig wird die Industriegesellschaft als Zwischenstufe zwischen der Agrar- und der Dienstleistungsgesellschaft betrachtet. Dies geht zurück auf die unter anderem von Jean Fourastié entwickelte Drei-Sektoren-Hypothese. Sie beschreibt, dass sich der Schwerpunkt der wirtschaftlichen Tätigkeit zunächst vom primären Wirtschaftssektor (Produktionsgewinnung), auf den sekundären (Produktionsverarbeitung) und anschließend auf den tertiären Sektor (Dienstleistung) verlagert.
Durch die Produktivitätssteigerung in den ersten beiden Sektoren werden Arbeitskräfte frei. Der Dienstleistungsbereich dient als Auffangbecken für die freien Arbeitskräfte. Durch die steigenden Realeinkommen wächst die private, kaufkräftige Nachfrage nach Dienstleistungen. Verstärkt wird dies durch die Veränderungen in den Lebensbedingungen und in der Bevölkerungsstruktur. Beispiele dafür sind unter anderem
- die Nachfrage nach Freizeitangeboten aufgrund sinkender Arbeitszeit und
- der erhöhte Bedarf an Pflegediensten durch höhere Lebenserwartung der Bevölkerung.
Zusätzlich gibt es einen erhöhten Bedarf im Bereich der Planung und Durchführung der Güterproduktion und der Verteilung der Güter nach Dienstleistungen innerhalb der produzierenden Gewerbe. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einer industriellen Dienstleistungsgesellschaft in den Industrieländern. Eine weitere Ursache dafür ist die wachsende Komplexität sozialer und ökonomischer Systeme. Dabei steigt der Bedarf an Regelung, Vermittlung und Steuerung. Insgesamt führt die Entwicklung also zu weiter verstärkter Arbeitsteilung; zugleich kommt es zu vermehrter Bürokratisierung der Gesellschaft.
Wissensgesellschaft
Lassen sich die Etikette Agrargesellschaft, Industriegesellschaft und mit Einschränkungen auch Dienstleistungsgesellschaft noch an eindeutigen Charakteristika festmachen, so erlebten wir in den vergangenen Jahrzehnten eine Flut von weiteren solchen Schlagwörtern. Deren Bedeutung ist weitaus diffuser: Aus der Industriegesellschaft wurde die Arbeitsgesellschaft, nach dem Atomunfall in Tschernobyl kam die Formel Risikogesellschaft auf. Danach lebte man – jeweils nicht sehr lange – in
- der Erlebnisgesellschaft,
- der Multioptionsgesellschaft,
- der Netzwerkgesellschaft,
- der Verantwortungsgesellschaft,
- der Freizeitgesellschaft oder
- der Informationsgesellschaft.
Allen diesen Schlagwörtern ist gemein, dass sie sehr wenig über die Inhalte aussagen, die sie betiteln sollen, von Abgrenzungskriterien ganz zu schweigen.
Auch der Begriff Dienstleistungsgesellschaft ist heute nicht mehr en vogue. Die Zuordnung des Dienstleistungssektors zum tertiären Sektor ist heute nur noch in wenigen Bereichen haltbar. Unter anderem wird daher die Einfügung eines vierten Sektors »Wissenssektor« propagiert und eine Entwicklung zur Wissensgesellschaft statt zur Dienstleistungsgesellschaft prognostiziert. Jeannette Hofmann, Internetforscherin und Leiterin des Verbundprojekts »Internet und Politik« am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, schreibt dazu:
»Die Zeit der rauchenden Schlote, der Massenproduktion und monotonen Handarbeit ist vorbei, die Zukunft gehört der Wissensverarbeitung, den intelligenten und sauberen Jobs. Demnach befinden wir uns inmitten eines Strukturwandels, an dessen Ende die Wissensgesellschaft das Industriezeitalter abgelöst haben wird, so wie jenes einst die Agrargesellschaft verdrängte.«
Dabei ist vielleicht nicht die Bezeichnung, aber zumindest die Idee der Wissensgesellschaft alles andere als neu. Karl Marx zufolge wurden bereits in der Industriegesellschaft Wissensarbeiter in den Produktionsprozess mit einbezogen:
»Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt.«
Im Mittelpunkt der Veröffentlichungen des deutschen Volkswirtschaftlers und Soziologen Werner Sombart steht die Systematisierung, Rationalisierung und Verwissenschaftlichung gesellschaftlicher Praktiken. Max Weber, deutscher Volkswirtschaftler und Wirtschaftsgeschichtler, setzte sich mit der Bürokratie auseinander, die er als besondere Form des Umgangs mit Wissen, als Herrschaft kraft Wissen, analysiert.
Martin Heidenreich fasst die Entwicklung zusammen:
»Im Laufe von Jahrhunderten entwickelte sich seit der italienischen Renaissance ein neuer, stärker empirisch ausgerichteter Umgang mit Wissen, der durch die Wechselwirkung zwischen allgemeinen Theorien, technischer Problemlösungen, empirischen Beobachtungen und logischen Beweisverfahren gekennzeichnet ist.«
Der Begriff Wissensgesellschaft als solcher wurde 1966 von Robert Lane in seinem Artikel »The Decline of Politics and Ideology in a Knowledgeable Society« geprägt. Schon dort schieb er über eine Gesellschaft, deren Mitglieder sich durch Wissenschaft und Bildung Wissen aneignen, um es auf Probleme anzuwenden oder ihre Wertvorstellungen und Ziele voranzutreiben.
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