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Wissen in der digitalisierten Welt

Es liegt auf der Hand, dass Wissen in einer Gesellschaft, die sich durch Wissen definiert, nicht durch eine kleine Gruppe von Experten gehortet und an Eingeweihte weitergeleitet werden kann. Es musste ein Paradigmenwechsel stattfinden. Jeder kann an der kollektiven Konstruktion von Wissen partizipieren und mitwirken. Wissen muss folglich jedem jederzeit zugänglich sein und jeder muss die Möglichkeit haben, selbst zum Wissensvorrat der Gesellschaft beizutragen. Auf diese Weise werden intellektuelle Ressourcen in nie gekanntem Maße mobilisiert und zusammengelegt.

Die Erfindung des Buchdruckverfahrens um 1450 durch Johannes Gutenberg war der erste Schritt in diese Richtung. Vor dessen Erfindung lag die Produktion von Büchern in den Händen von Mönchen, Kopistenzünften, Briefmalern und Kartenmachern, aus denen wiederum Formschneider und Briefdrucker hervorgingen. Man verwendete Druckplatten aus dünnen Metalltafeln oder Holz, in die man die Zeichnung eingrub, indem man entweder deren Umrisslinien stehen ließ und den Rest hinweg stach oder umgekehrt. Allen Fertigungsverfahren gemein waren eine sehr geringe Stückzahl der Bücher und eine dementsprechend geringe Verbreitung.

Mit der Erfindung Gutenbergs breitete sich die Kunst des Buchdrucks in wenigen Jahrzehnten in ganz Europa aus und in den Jahrhunderten danach über die ganze Erde. In den ersten 50 Jahren wurden 30.000 Titel mit einer Auflage von 12 Millionen Exemplaren produziert. Die schnelle Verbreitung und die stetige Verbesserung und Weiterentwicklung des Buchdrucks und der Herstellung von Papier machten das Buch zur Massenware. Dies war eine wesentliche Voraussetzung für die Reformation und später für das Zeitalter der Aufklärung. Wissen wurde zum Allgemeingut im Abendland.

Heute sind wir viele, viele Schritte weiter.

  • Wissen wird zunehmend digitalisiert, für CD- oder DVD-Roms aufbereitet, per E-Mail ausgetauscht oder über das Internet verfügbar gemacht.

  • Fachartikel werden sowohl in entsprechenden Fachzeitschriften gedruckt wie auch ins Web gestellt oder auch zunehmend ausschließlich für das Web geschrieben.

  • Zeitungen, Magazine und Zeitschriften jeder denkbarer Art – von Bunte, Bild und Playboy bis hin zum Spiegel oder der Financial Times – sind mit einer eigenen Website im World Wide Web präsent, um Teile ihres Angebots online zur Verfügung zu stellen – in den meisten Fällen gratis – oder um ihre gedruckte Ausgabe zu ergänzen.

    Die Anzahl der verkauften Exemplare des Spiegels liegt derzeit bei rund 4,5 Millionen Exemplaren. Zum Vergleich: Im Juli 2004 zähle Spiegel Online 39 Millionen Besuche und 200 Millionen Seitenaufrufe. Dadurch ergeben sich zahlreiche neue Möglichkeiten und Vorteile.

  • Fachbücher erscheinen oft parallel in Druckform wie auch als Online-Tutorial. Das beste Beispiel hierzulande ist SelfHTML, das online zu einem umfangreichen Portal ausgearbeitet wurde, das das eigentliche Buch um eine große Anzahl themenbezogener Artikel, Tipps und Tricks, einem Forum, Chat, Linkverzeichnissen und Essays ergänzt – und mittlerweile offenbar mehr ein Lebensgefühl ist als nur ein Buch.

  • Das Projekt Gutenberg-DE stellt Tausende Werke von A wie Aristoteles bis Z wie Zweig im World Wide Web zur Verfügung. Mittlerweile wurden mehr als 90.000 Text- und Bilddateien in das Archiv aufgenommen. Der Ausdruck des Archivs erfordere mehr als eine Viertelmillion Blatt Papier.

  • Mit der Wikipedia steht seit 2001 eine komplette, immer weiter wachsende Enzyklopädie jedem frei im Web zur Verfügung. Jeder darf Inhalte unentgeltlich – auch kommerziell – nutzen, verändern und verbreiten. In diesem Artikel wurde von dieser Möglichkeit rege Gebrauch gemacht. Wikipedia gilt heute als die umfangreichste Sammlung originär freier Inhalte. Das Projekt existiert in mehr als 100 Sprachen. Im September 2004 überschritt der Umfang des Gesamtprojekts die Grenze von einer Million Artikeln. Die deutschsprachige Wikipedia enthielt im November 2005 mehr als 300.000 Artikel – die englische über 800.000.

Je stärker sich das Internet ausdehnt, desto umfangreicher wird der weltweit archivierte Wissensvorrat. Die Quantität wie hoffentlich auch die Qualität des verfügbaren Wissens werden sich in Zukunft immer weiter erhöhen. Der Gang in die Bibliothek oder in die Bücherei wird dadurch sehr wahrscheinlich überflüssig werden.

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Wissen auffinden

Das Internet revolutioniert die Art und Weise, wie wir an Wissen gelangen. Auf der Suche nach Informationen bedienen wir als erstes die Suchmaschine unserer Wahl. Denn bereits heute finden sich zu jedem denkbaren Schlagwort Hunderte, wenn nicht Tausende oder Hunderttausende von Treffern, die Informationen zum gewünschten Thema versprechen. Das hat viele Vorteile, bringt aber auch Gefahren mit sich.

Der Wissensvorrat einer Gesellschaft setzt sich aus dem zusammen, was in Suchmaschinen gefunden werden kann.

Geodart Palm, Redakteur und Autor unter anderem bei Telepolis hat das Problem auf den Punkt gebracht:

»Suchmaschinen, allen voran Google, [begründen längst] eine Wissensherrschaft, der User in ihrem alltäglichen Gebrauch weitgehend unterworfen sind. Wenn Wissen Macht ist, sind Suchmaschinen Supermächte. Entscheidend ist nicht allein, welche Wissensspeicher eine Gesellschaft besitzt und in welchem Umfang über sie von Wissbegierigen verfügt werden kann, sondern letzthin bestimmt der typische Gebrauch von Millionen Nutzern über die herrschenden Meinungen. Google ist ein Globalisierungssieger des Netzes; und was in dieser Königssuchmaschine nicht verzeichnet ist, fristet sein Dasein eher an der Peripherie des vernetzten Wissens. Wer sucht heute noch verstaubte Zeitungsarchive oder Bibliotheken auf, um sich [...] zu informieren?«

Nur eine Randbemerkung: Vor einigen Monaten ist diese Website aufgrund eines Providerwechsels aus dem Google-Index geflogen und erlebt in den drei Wochen »an der Peripherie des vernetzten Wissens« einen Besuchereinbruch von über 50%. Nicht auszudenken, welche Konsequenzen dies für ein Unternehmen haben kann, das seine Umsätze hauptsächlich oder gar ausschließlich im oder über das World Wide Web bestreitet!

Suchmaschinen sind manipulierbar.

Eine weitere Gefahr besteht darin, dass Suchmaschinen sich selbst sozusagen von innen heraus zerstören, indem sie ihre Glaubwürdigkeit und somit die Glaubwürdigkeit ihrer Suchergebnisse aufweichen.

Google beispielsweise lässt sich noch immer durch so genanntes Google-Bombing überlisten, ein seit Jahren bekanntes Problem. Google sortiert seine Trefferlisten unter anderem danach, wie häufig ein Dokument von anderen verlinkt wird. Wenn möglichst viele Seiten einen Link zu einem bestimmten Dokument mit einem entsprechenden Link-Text belegen, dann wird diese Seite unter dem passenden Suchbegriff gefunden, obwohl sie selbst das Suchwort nicht enthalten muss. Darüber hinaus wertet Google die Seite durch einen höheren Page Rank auf, das bedeutet, sie wird im Verhältnis zu anderen Seiten, die über dieses Suchwort gefunden werden, hoch in den Trefferlisten angezeigt. Und nur obere Suchmaschinenplätze werden von Suchenden entsprechend honoriert.

Die weltweite Suche nach dem Begriff »failure« (engl. für Fehler, Erfolglosigkeit, Versager) beispielsweise führt direkt zur offiziellen Biografie des amerikanischen Präsidenten George W. Bush (Stand: November 2005) – eine durchaus humorvolle Variante des Google-Bombings, aber nicht weniger bedenklich.

Suchmaschinen sind nicht vertrauenswürdig.

Die Gefahr der drohenden Kommerzialisierung von Suchmaschinen, die sich hohe Ranking-Positionen versilbern lassen, stellt ebenfalls ein Problem dar. So genannte Sponsoren-Links, also bezahlte und als solche gekennzeichnete Links, die aufgrund einer semantischen Abgleichung mit dem Suchwort ganz oben auf der Ergebnisseite angezeigt werden, sind weniger problematisch. Die Objektivität der anscheinend gewöhnlichen Suchergebnisse kann jedoch angezweifelt werden. Ist eine Seite wirklich aufgrund ihres natürlich Page Ranks oben in der Trefferliste oder stecken andere Automatismen dahinter?

Es wäre für den Suchmaschinennutzer unmöglich, eine derartige Lockung der Konsumenten nachzuvollziehen geschweige denn nachzuweisen.

Nicht die Qualität des im Web veröffentlichten Wissens ist maßgebend, sondern die der Webautoren.

Es liegt auf der Hand, dass jeder, der Inhalte im Web veröffentlicht, auch möchte, dass diese gelesen werden. Diverse Studien haben ergeben, dass rund drei Viertel aller Neukontakte, die über eine Website geknüpft wurden, über eine Suchmaschine auf die Website gelangten. Die Bedeutung von Suchmaschinen und Suchdiensten für eine Website ist daher nicht zu unterschätzen! Hohe Positionen versprechen viele Besucher. Wenn eine Website zugänglich und gut bedienbar ist, werden aus Besuchern vielleicht Kunden, und Kunden bringen Umsätze. Daher genügt es leider nicht, einfach nur gute Texte zu schreiben, also den Menschen zu bedienen. Mittlerweile muss man auch wissen, wie Inhalte für Suchmaschinen aufbereitet werden. Es besteht die Gefahr, dass bald nur noch die Webseiten auf den ersten Plätzen der Trefferlisten erscheinen, die besondern letztere Zielgruppe im Auge haben, und die wirklich guten Seiten untergehen, die für Menschen und nicht für Maschinen geschrieben wurden.

Am 16. April 2005 startete das c't Magazin für Computertechnik einen Wettbewerb, der Erkenntnisse darüber liefern soll, wie Suchmaschinen Webseiten indizieren und bewerten und welche Möglichkeiten Webautoren haben, ihre Site höher in den Trefferlisten zu platzieren. Es gilt, für den Begriff »Hommingberger Gepardenforelle« Top-Positionen in den Google-, Yahoo-, MSN- und Seekport-Ergebnislisten zu ergattern. Der Begriff der Hommingberger Gepardenforelle wurde gewählt, um keinen Flurschaden anzurichten: Es gibt weder einen Ort Hommingberg noch eine Gepardenforelle, sodass die Suchmaschinen bis dato für diesen Begriff auch keine Treffer liefern. Mittlerweise erzielt die Suche nach »Hommingberger Gepardenforelle« bei Google über 3,1 Millionen Treffer! Wettbewerbe wie dieser forcieren das Problem noch weiter.

Der alltägliche Griff zu Google ist für uns so selbstverständlich geworden wie der Griff zur Fernbedienung. Wir brauchen Suchmaschinen, die uns das zeitaufwändige Suchen nach relevanten Wissen abnehmen oder zumindest erleichtern. Daher sollten Suchmaschinen gegen Korruptionsstrategien geschützt werden. Aber auch pluralistische Absicherungen, also die Gewährleistung von konkurrierenden Anbietern, sollte durch eine unabhängige Stelle gefördert werden, ähnlich wie die Entwicklung des World Wide Webs von einem unabhängigen Konsortium gesteuert wird. Eines der wichtigsten Themen der nächsten Jahrzehnte wird die Frage nach der Überwachung und Kontrolle des zunehmenden vernetzten Wissens sein.

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Wissen aufnehmen

Das Internet verändert nicht nur die Art und Weise, wie wir an Wissen gelangen, sondern auch, wie und in welchem Umfang Wissen präsentiert wird und wie wir Wissen aufnehmen.

Web-Usability-Experten, also Fachleute, die sich mit der Zugänglichkeit, aber vor allem mit der Gebrauchstauglichkeit von Webseiten befassen, erarbeiteten in den letzten Jahren Richtlinien, inwiefern Texte für das Lesen auf dem Bildschirm geschrieben werden müssen, damit sie ohne zu ermüden gelesen und vor allem gescannt werden können. Sie stützen sich dabei auf jahrelange Untersuchungen des Leseverhaltens von Online-Nutzern. Diese haben ergeben, dass Inhalte und vor allem Texte auf dem Bildschirm ganz anders wahrgenommen und gelesen werden als in herkömmlichen Printmedien wie Zeitungen oder Zeitschriften.

  1. Nachdem die Seite geladen wurde, erfasst der Besucher zunächst deren groben Aufbau, blendet unwichtige Seitenbereiche vor dem geistigen Auge aus, erfasst zusammengehörige Bereiche und konzentriert sich auf wichtige Elemente wie Navigation und Inhalt.
  2. Texte werden nicht sequentiell durchgelesen, sondern überflogen und nach wichtigen Strukturmerkmalen wie Überschriften, Aufzählungen, Tabellen, hervorgehobene Stellen, Schlüsselwörter oder markante Bereiche durchsucht.
  3. Absätze werden nur angelesen. Finden sich am Anfang des Absatzes keine interessanten Informationen, wird er übergangen.
  4. Der Leser springt oftmals von einer Stelle der Seite zur nächsten, um sich die gewünschten Informationen herauszusuchen.

Um diesen Lesegewohnheiten entgegen zu kommen, gilt die Faustregel, dass Texte im Web nur etwa die Hälfte des Umfangs umfassen sollten, die sie in entsprechenden gedruckten Publikationen. Dieser Artikel richtet sich mit Absicht nicht an diese Vorgabe. Lange Texte sollten durch kurze Absätze, Zwischenüberschriften und Aufzählungen aufgelockert werden. Oftmals ist eine Vorgehensweise nach dem vor allem bei Pressetexten bewährten »invertierten Pyramidenprinzip« sinnvoll. Dabei steht das Wichtigste oben, zum Ende werden die Informationen immer detaillierter.

Wer das Lesen im Web gewohnt ist, wird Schwierigkeiten haben, gedruckte Publikationen in gewohnter Genauigkeit zu lesen, da er auf das schnelle Erfassen von Zusammenhängen in der prägnanteren Form im Web eingestellt ist. Es ist ein Trend erkennbar, dass der Mensch der Wissensgesellschaft viele oberflächliche Informationen gleichzeitig aufnehmen und verarbeiten kann, die geistige Fähigkeit, sich in Inhalte zu vertiefen, ihm jedoch verloren geht.

Weblogs, auch genannt Blogs, der aktuelle Trend der Kommunikation im World Wide Web, bestätigen diese These auf ganzer Linie. Weblogs sind Online-Journale, teilweise Tagebüchern sehr ähnlich, die sich durch häufige Aktualisierung auszeichnen. Typischerweise linken Blogger auf andere Webseiten und kommentieren aktuelle Ereignisse. Viele Einträge basieren auf Einträgen anderer Weblogs, indem sie Thesen und Argumentationen aufgreifen und fortführen, wodurch sich eine starke Vernetzung der Weblogs untereinander ergibt. Darüber hinaus bieten fast alle Weblogs die Möglichkeit, einen Eintrag zu kommentieren und so mit dem Autor oder anderen Lesern zu diskutieren. Weblogs kann man als eine neue Form des partizipativen Journalismus bezeichnen, also eine Tätigkeit einer Gruppe, die eine aktive Rolle im Prozess der Recherche, des Berichtens, den Analysierens sowie des Verbreitens von Nachrichten und Informationen einnimmt.

Ein typischer Weblog-Eintrag behandelt ein konkretes Thema kurz und knapp und gibt eher eine persönliche Meinung wieder als neutrale, sachliche, redaktionell aufbereitete Information. Durch Kommentare und starke Verlinkung wird der Leser eingeladen, von einem Weblog zum anderen zu springen. Es zeigt sich, dass diese fragmentarische und facettenreiche Wissensaufnahme den Lesegewohnheiten der Web-Nutzer sehr stark entgegen kommt, wodurch sich der enorme Erfolg und die fortlaufende Ausbreitung der Blogger-Szene erklären.

Das Internet in Form von verteilten Kommunikationsdiensten wie Mailinglisten, Newsgroups, Weblogs oder Foren ermöglicht eine vollkommen neue Form der Wissensverteilung. Menschen, die über Tausende von Kilometern voneinander entfernt an ihren Rechnern sitzen, kommen im Internet aufgrund ihrer gemeinsamen Interessen zusammen, unabhängig von Alter, Aussehen oder sozialem Status. Gleichgesinnte haben im Internet eine ideale Arbeitsumgebung gefunden, um gemeinsam an einer Sache zu arbeiten. Dabei profitiert jeder von dem Wissen der anderen. Eric Raymond, Autor und Programmierer in der Open-Source-Szene, spricht von einem »plappernden Basar«. Das populärste Ergebnis dieser Zusammenarbeit über das Netz ist die gesamte GNU-Bewegung, aus der das freie Computer-Betriebssystem Linux hervorgegangen ist. Dessen Entstehungsgeschichte ist inzwischen so populär und legendenumwoben, dass man sich fragen kann, wann diese Arbeitsform auf andere Felder der Wissenserzeugung übergreift.