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Definition des Begriffs »Wissen«

Während es auf den ersten Blick klar zu sein scheint, was der Begriff Wissen bedeutet, ist es offenbar sehr schwer, eine allgemein anerkannte, gültige Definition dafür anzugeben.

Wissen ist gerechtfertigter wahrer Glaube

Nach einer insbesondere in der analytischen Philosophie geläufigen, auf Platon zurückgehenden Definition ist Wissen die Summe der als wahr gerechtfertigten Meinungen. Mit anderen Worten: Wissen ist gerechtfertigter wahrer Glaube.

Die Bedeutung von Sätzen nach dem Schema »Schmidt weiß, dass p« könne folglich durch drei notwendige und zusammen hinreichende Bedingungen angegeben werden:

  1. P ist wahr.
  2. Schmidt glaubt, dass p.
  3. Schmidt ist gerechtfertigt zu glauben (hat gute Gründe zu glauben), dass p.

Erst 1963 führte Edmund Gettier Gegenbeispiele an, die darlegen, dass die drei angeführten Sätze eben nicht immer eine hinreichende Bedingung dafür formulieren, dass jemand eine gegebene Aussage (definitiv und unbestreitbar) weiß.

Der Versuch, Wissen als gerechtfertigten, wahren Glauben zu definieren, ist damit fehlgeschlagen. Betrachten wir ein weiteres Denkmodell.

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Wissen ist die Befähigung zum Handeln

Francis Bacon, englischer Philosoph, Schriftsteller und Staatsmann entwickelte in seinem 1620 veröffentlichten Werk »Novum Organum« die These »scientia est potentia«, landläufig mit »Wissen ist Macht« übersetzt. Er führt aus, dass sich der besondere Nutzen des Wissens von seiner Fähigkeit ableitet, etwas in Bewegung zu setzen.

Unser heutiges Verständnis der Aussage »Wissen ist Macht« ist genau genommen aus zwei Gründen falsch:

  1. Aus dem Kontext des Werks heraus muss »scientia est potentia« mit »Macht des Wissens« übersetzt werden, auch wenn sich daraus kein so einprägsamer Slogan ergibt.
  2. Der etymologische Ursprung des Wortes »Macht« liegt in dem, was wir heute als »Befähigung einen Unterschied zu machen« umschreiben würden. Folglich ist nicht unser heutiges Verständnis des Begriffs Macht gemeint, also die Art Macht, die über eine Person oder zum Zweck des Erreichens eines bestimmten Ziels ausgeübt wird.

Aus dem Ausdruck »Macht des Wissens« lässt sich somit eine weitere Definition von Wissen ableiten: Wissen als die Befähigung zum Handeln.

Martin Heidenreich, Professor an der Fakultät Sozial- und Wirtschaftswissenschaften an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, gelangt zu derselbe These, wenngleich aus anderen Überlegungen heraus. Er legt dar, dass Wissen immer mit überprüfbaren Wahrheitsansprüchen verbunden ist. Menschen erleben zwar keinesfalls das Gleiche, aber sie können sich über ihre Erlebnisse verständigen und gemeinsame Vorstellung von der Wirklichkeit erarbeiten. Diese Vorstellungen sind keinesfalls ein für allemal festgeschrieben; Lernen ist möglich. Denn wir können die Wahrheit einer Vorstellung aufgrund ihrer Bewährung in der Praxis beurteilen. Das, was wir als Tatsachen ansehen, wird immer vor dem Hintergrund unserer bisherigen Erfahrungen und einer prinzipiell selektiven Wahrnehmung konstruiert.

Ein einfaches Beispiel: Jeder von uns erkennt Newtons Modell der Gravitation – so wie wir es in der Schule gelernt haben – als richtig an, da uns tagtäglich bewusst wird, dass Dinge nach unten fallen.

Heidenreich spricht von einer sozial konstruierten Realitätsgewissheit, welche die Voraussetzung für jegliches Denken und Handeln sei. In diesem Sinn könne Wissen gleichgesetzt werden mit der Fähigkeit zum Handeln.

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Kleinster gemeinsamer Nenner

So sehr Wissenschaftler sich um eine präzise Definition des Begriffs »Wissen« bemühen und so sehr diese sich auch voneinander unterscheiden, drei Aussagen lassen sich jedoch als eine Art kleinster gemeinsamer Nenner formulieren:

  1. Dem Wissen liegen Informationen zugrunde.
  2. Diese Informationen müssen in sich stimmig, überprüfbar und nachvollziehbar sein.
  3. Das Wissen muss sich in Übereinstimmung mit den wahrnehmbaren Bedingungen einer Umwelt befinden.

Allein ein Blick auf die Wissenschaftsgeschichte sollte uns für die These empfänglich machen, dass wir immer nur glauben zu wissen. Zu oft wurden ganze Gebäude des Wissens zum Einsturz gebracht, wenn sich eine neue Hypothese als tragfähiger erwies – bis dass auch dieses vermeintlich gesicherte Wissen durch neue Erkenntnisse in Zweifel gezogen wurde.

Auch hier lässt sich das Modell der Gravitation als Beispiel heranziehen. Newtons Gravitationsgesetz war die erste physikalische Theorie, die die gegenseitige Anziehung von Massen erklärte und sich auch in der Astronomie anwenden ließ. Albert Einstein definierte die Gravitation im Rahmen seiner im Jahre 1916 aufgestellten allgemeinen Relativitätstheorie als Krümmung der Raumzeit neu. Newtons Gesetz wird dadurch auf einen nichtrelativistischen Grenzfall für die Situation hinreichend schwacher Raumzeitkrümmung reduziert. Und vielleicht wird sich in Zukunft zeigen, dass auch Einsteins Theorie nur Teil einer viel umfassenderen Theorie ist. So werden der Zweifel und die daraus resultierende Forschung zur wahren Triebfeder neuen Wissens.