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Web Squared: Web 2.0 nach 5 Jahren

Aufstieg der Echtzeit: Ein kollektives Bewusstsein

Je mehr darüber gesprochen wurde, desto schneller wurden Suchmaschinen. Durch Blogging entstanden Millionen neuer Sites, die täglich oder sogar stündlich indiziert werden müssen. Microblogging erfordert sogar unmittelbare Indizierung, was zu signifikanten Veränderungen der Infrastruktur und auch der Herangehensweise führt. Wer Twitter nach aktuellen Themen durchsucht, stößt auf die Nachricht: »See what’s happening right now«, wenig später gefolgt von »42 more results since you started searching. Refresh to see them.«

Auch die Nutzer selbst sind dabei, Suchfunktionen zu entwickeln. Beispielsweise Hashtags bei Twitter, eine von den Nutzern erdachte Konvention, die unter anderem Echtzeitsuche nach Veranstaltungen vereinfacht. Sie sehen an diesem Beispiel, wie die Mitwirkung der Nutzer Datenmengen strukturieren kann, egal wie grob und inkonsistent diese Struktur auch ist.

Echtzeitsuche ermutigt zu Echtzeitantworten. Retweets breiten aktuelle Nachrichten über Twitter innerhalb weniger Augenblicke aus, was Twitter für viele Leute zur ersten Quelle macht, wenn sie herausfinden wollen, was gerade so passiert. Um es noch einmal zu betonen: Das ist nur der Anfang! Mit Services wie Twitter oder die Statusmeldungen bei Facebook stehen als neue Datenquelle im Web zur Verfügung – Echtzeithinweise darauf, womit das kollektive Bewusstsein sich gerade beschäftigt.

Guatemala und der Iran haben vor kurzem den »Twitter-Effekt« kennen gelernt, als politische Proteste über Twitter angestoßen und koordiniert wurden.

Das führt uns zu einer zeitgemäßen Debatte: Es gibt viele, die sich Sorgen machen, dass Technologie entmenschlicht. Wir teilen diese Sorge, sehen aber auch den Gegentrend, dass Kommunikation uns zusammenführt, einen gemeinsamen Kontext und letztendlich eine gemeinsame Identität gibt.

Twitter zeigt uns ebenfalls gut, wie Applikationen sich an Geräte anpassen. Tweets sind auf 140 Zeichen beschränkt, und eben diese Beschränkung hat uns zu einer Fülle an Innovationen motiviert. Twitternutzer haben Abkürzungen entwickelt (@benutzername, $hashtag, $stockticker), die Twitterprogramme bald zu klickbaren Links umgewandelt hatten. Kurz-URL-Dienste für Weblinks wurden populär, und deren Betreiber haben schnell erkannt, dass die stetig wachsenden Datenbanken der Links und deren Klicks neue Echtzeit-Analysemöglichkeiten bieten. Bit.ly beispielsweise zeigt die Anzahl der Klicks auf einen Link in Echtzeit an.

Es bildet folglich eine neue Informationsschicht um Twitter herum, das sich so zu einer Konkurrenz zu anderen zentralen Web-Services entwickeln könnte, nämlich Suche, Analyse und soziale Netzwerke. Twitter bietet darüber hinaus »Anschauungsunterricht« für Anbieter mobiler Inhalte, was alles möglich ist, wenn sie APIs zur Verfügung stellen. Das Ökosystem, das derzeit aus Twitter-Applikationen heranwächst, kann Möglichkeiten aufzeigen für SMS und andere mobile Dienste, oder Twitter wächst weiter und wird diese irgendwann einmal ersetzen.

Echtzeit ist nicht auf Social Media oder mobile Dienste beschränkt. So wie Google erkannt hat, das ein Link eine Empfehlung darstellt, so hat WalMart festgestellt, dass der Kauf eines Kunden ebenfalls eine Empfehlung ist. Die Kasse ist dabei ein Sensor, der diese Empfehlung registriert. Echtzeit-Rückkanäle steuern den Warenbestand. WalMart mag kein Web-2.0-Unternehmen sein, aber es ist ohne Frage ein Web²-Unternehmen: WalMart erlangt immense Wettbewerbsvorteile dadurch, dass sämtliche Arbeitsprozesse von IT durchzogen sind und angetrieben werden durch Kundendaten, die in Echtzeit ermittelt werden. Zu den größten Möglichkeiten des Web² gehört, diese Art von Echtzeitintelligenz auch kleineren Einzelhändler bereit zu stellen, die nicht über diese für sie überdimensionierte Beschaffungskette verfügen.

Wie Vivek Ranadive, Gründer und CEO von Tibco, so eloquent erläutert:

Alles in der Welt ist nun Echtzeit. Wenn ein bestimmter Schuh in dem Laden um die Ecke nicht angeboten wird, dauert es nicht etwa sechs Monate, bis der Hersteller in China dies herausfindet. Nein, er erfährt es sofort, dank meiner Software.

Echtzeitinformationen haben auch ohne sensorbasierte Einkaufsabwicklung eine riesige Bedeutung fürs Geschäft. Wenn Ihre Kunden ihre Absichten im Web kund tun (oder über Twitter), dann müssen Unternehmen es mitbekommen und sich daran beteiligen. Comcast hat seinen Kundenservice verändert, indem es Twitter nutzt; andere Unternehmen folgen diesem Beispiel bereits nach.

Eine weitere interessante Geschichte, die wir kürzlich über Echtzeit-Rückkanäle gehört haben, handelt vom Houdini-System, das von der Obama-Kampagne dafür genutzt wurde, Wähler von der »Get Out the Vote«-Telefonliste zu entfernen, sobald sie gewählt hatten. Wahlbeobachter in Schlüsselbezirken gaben sofort Bescheid, sobald sie sahen, dass Namen von der Wählerliste vor Ort gestrichen wurden; diese Namen »verschwanden« dann von der Telefonliste, die zuvor an freiwillige Helfer verteilt wurde. (Daher der Name »Houdini«.)

Houdini führt das Prinzip weiter, auf dem auch Amazons Mechanical Turk basiert: Eine Gruppe Freiwilliger agiert als Sensoren; eine große Menge an Echtzeitdaten wird synchronisiert und dazu verwendet, um einer anderen Gruppe Freiwilliger Anweisungen zu erteilen, die wiederum dazu dienen, das System voran zu treiben.

Unternehmen müssen lernen, sich Echtzeitdaten nutzbar zu machen als Schlüsselsignale, die einen weitaus effizienteren Kanal in Bewegung setzen für Produktentwicklung, Kundenservice und Ressourcenbelegung.