Software muss dem Menschen dienen – nicht umgekehrt

Der Artikel erschien zuerst bei Dev-Insider.


User Experience, kurz UX, wird in der Software-Entwicklung zu selten wertgeschätzt. Dabei ist das Nutzererlebnis ein maßgeblicher Faktor für die Kundenzufriedenheit. UX Engineering könnte sogar eines der wichtigsten Berufsfelder der kommenden Jahrzehnte werden.

Einst waren die Menschen in drei Klassen eingeteilt: Wissenschaftler, geniale Führungspersönlichkeiten und bedeutende Künstler gehörten zur Klasse A, ihnen folgten Filmproduzenten, Telefondesinfizierer, Frisöre, Unternehmensberater und Versicherungsvertreter als Klasse B. Klasse C bestand aus all den Leuten, die die ganze Arbeit machten.

So beschreibt Douglas Adams in seinem Bestseller »Das Restaurant am Ende des Universums« das Kastensystem des Planeten Golgafrincham. Um sich des überflüssigen Bevölkerungsteils B zu entledigen, sollte unter einem Vorwand der gesamte Planet per Raumschiff evakuiert werden. Das Raumschiff der Klasse B strandete auf der prähistorischen Erde, woraufhin dort die Höhlenmenschen ausstarben und die Neuankömmlinge ihren Platz einnahmen.

Nun können wir uns fragen, ob die User Experience Engineers nicht direkte Nachfahren dieser Klasse B sind. Keine herausragende Erfindung der Menschheit kam von einem UX Engineer, wir sitzen nicht in Talkshows und im Kindergarten nennt niemand diesen Berufswunsch. Sind UX Engineers also überflüssig und gehören mit der nächsten Rakete weggeschossen?

Das wäre ein großer Fehler: Schon einfachste Software kann uns zur Weißglut treiben, wenn sie nicht so funktioniert, wie wir erwarten. Das Handwerk des UX Engineers ist, Software zu gestalten, die Menschen hilft, ihre Ziele zu erreichen – diese Aufgabe wird immer wichtiger je komplexer und intelligenter Software wird. Und glaubt man Apokalyptikern und Transhumanisten wie Jeff Nesbit oder Nick Bostrom, werden zukünftige Software-Systeme annähernd unbegrenzt intelligent.

Jeff Nesbit, ehemals Leiter für Rechts- und Öffentlichkeitsangelegenheiten der National Science Foundation, ist überzeugt, dass die Forschungen und Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) in naher Zukunft zu einer Art »Supercomputer« führen, der von Menschen unabhängig agieren könne und uns schließlich weit überlegen sei.

KI als existenzielles Risiko

Das sagt auch Nick Bostrom, Direktor des »Future of Humanity Institute« an der Oxford University. Bostrom ist bekannt für seine Forschung über das »Existenzielle Risiko«, also der Wahrscheinlichkeit von Ereignissen, die das auf der Erde entstandene intelligente Leben auslöschen oder zumindest drastisch und permanent einschränken. In seinem Bestseller »Superintelligenz« betrachtet er KI als ein existenzielles Risiko, wenn wir die Kontrolle über die Technik verlieren und die KI den Menschen nicht mehr benötigt: Das wäre das Ende der Menschheit. Bostrom ist bei weitem nicht der Erste, der diese Behauptung aufstellt, das Blockbuster-Franchise »Terminator« (siehe das Titelbild dieses Beitrags) dreht sich um nichts Anderes und schon 1965 schrieb der Mathematiker Irving John Good: »Die erste superintelligente Maschine ist also die letzte Erfindung, die der Mensch zu machen hat.«

Transformation statt Ausrottung

Auch der israelische Historiker Yuval Noah Harari sieht das Ende der Menschheit wie wir sie kennen kommen: In seinem Buch »Homo Deus« beschreibt er aber nicht die Ausrottung durch aufmüpfige und grenzenlos aggressiv agierende Maschinen, sondern darum, dass die Menschheit sich selbst eliminiert, indem sie sich zu etwas »Höherem« transformiert.

Er fragt: Wonach wird die Menschheit streben, wenn ihre »alteingesessenen Feinde« Hunger, Krieg und Krankheit überwunden sind? Seiner Argumentation folgend nach Unsterblichkeit und Glück und somit nach Göttlichkeit – und auf dem Weg dorthin wird der Mensch all das verlieren, was ihn heute ausmacht.

Was bleibt denn übrig von der modernen Religion des Humanismus, wenn hochintelligente Algorithmen uns in den meisten Tätigkeiten weitaus überlegen sind und uns bald wohl möglich besser kennen als wir uns selbst? Welche Folgen könnte es für die Gesellschaft haben, wenn hochentwickelte Technologie einen Großteil der Menschen für das gegenwärtige System überflüssig macht?

All diese Szenarien laufen auf Algorithmen hinaus, die uns zunächst das Leben erleichtern, uns im nächsten Schritt bevormunden und letztlich überholen und überflüssig machen. In der Folge wird ein Großteil der Menschheit unnütz und untätig vor sich hinvegetieren, bei Laune gehalten durch manipulierte Biochemie und reichlich (technologischer) Überwachung und Ablenkung. Der Rest der Menschheit wird zu Übermenschen mutiert sein, die zwar dasselbe Spiel spielen, aber (noch) genug Macht haben, um es zu kontrollieren. Bis dann vielleicht die »Superintelligenz« ins Spiel eingreift?

Niemand kennt die Bremse

Diese Entwicklung scheint unaufhaltsam zu sein, denn niemand weiß, wo sich die Bremse befindet. Die Experten sind mit den Entwicklungen auf ihrem Feld vertraut, etwa der Künstlichen Intelligenz, der Nanotechnologie, Medizin, Big Data oder der Genetik, doch niemand ist Fachmann für alles. Niemand ist deshalb in der Lage, sämtliche Punkte miteinander zu verbinden und das ganze Bild zu erkennen.

Aber das ist auch nicht nötig. Betrachten wir primär die Automatisierung intelligenten Verhaltens einer Software in dem Maße, dass sie dadurch eigenständig Probleme lösen kann, dann handelt es sich lediglich um ein technisches Problem der Informatik. Ist es irgendwann einmal gelöst, stellt sich die Frage nach dem sinnvollen praktischen Einsatz.

Technik muss dem Menschen helfen. Das gilt besonders für intelligente Software. Die technischen Möglichkeiten in Beziehung zu setzen zum konkreten Nutzen für den speziellen Kontext – das interessiert keinen Informatiker, keinen Experten für Künstliche Intelligenz oder Big Data und leider auch die wenigsten Produktmanager. Damit befassen sich UX Engineers. Das macht sie zu einer der wichtigsten Berufsgruppen der kommenden Jahrzehnte.

Ohne Informatiker und Ingenieure gäbe es sicher keine Künstliche Intelligenz. Ohne UX Engineers würden wir uns aber das genau am Ende wünschen. Denn UX Engineers haben den gleichen Respekt wie die Telefondesinfizierer von Golgafrincham verdient: Die Zivilisation des Adams-Bestsellers wurde nämlich durch eine Seuche vernichtet – verursacht durch ein nicht desinfiziertes Telefon.

UX Engineering ist strategische Unternehmensberatung

Aber wie stellen UX Engineers sicher, dass Software den Menschen dient und nicht umgekehrt; sie unterstützt und nicht bevormundet oder manipuliert? Indem sie die technologischen Entwicklungen an den Menschen anpassen; Software so gestalten, dass sie den Menschen nützt – als Resultat einer zugrundeliegenden Ethik, ganz konkret, Projekt für Projekt, von Anfang an.

Der Ansatz besteht darin, Ausgangsbedingungen zu entwerfen, die von Anfang an den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Von Anfang meint tatsächlich direkt von Beginn an – noch vor der Erstellung eines Pflichtenhefts, bereits dann, wenn erstmalig über die strategischen Ziele, die Vision und Rahmenbedingungen eines Produkts gesprochen wird.

UX Engineering ist strategische Unternehmensberatung! Es betrifft die Überprüfung, Weiterentwicklung oder Neuentwicklung von Zielrichtungen, Konzepten und Maßnahmen einschließlich der Gestaltung ganzer Geschäftsmodelle.

Um es anders zu formulieren: UX Engineers beraten das Management bei wichtigen strategischen Entscheidungen. Gerade dann, wenn Autonomie und Entscheidungskompetenz auf eine Maschine übertragen werden soll: Entscheidet das System, bestätigt der Mensch die Entscheidung oder bleibt er es, der die Entscheidung trifft – auf Basis von Ratschlägen einer Maschine?

Wenn die strategischen Ziele gesetzt sind und die Vision steht, dann beginnt die Phase der Anforderungserhebung, ebenfalls konsequent mit klar formulierten Fragestellungen aus Perspektive der Menschen, die mit der Software interagieren. Im Ergebnis wird transparent, wer warum welchen Aufgabenstrang mit der Software durchläuft und welche Information und Interaktion dazu notwendig sind – und außerdem: Was die Menschen während und nach der Interaktion mit der Software glücklich macht.

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