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Usability und Webstandards

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Webstandards

Hinweis: Diese »Einführung in XHTML, CSS und Webdesign« ent­spricht der zwei­ten Auf­lage des gleich­na­mi­gen Buches, das im Dezem­ber 2008 im Ver­lag Addison-Wesley erschie­nen ist. Die Inhalte sind mittlerweile veraltet, fast alles hat sich weiterentwickelt. Seit einigen Jahren gibt es HTML5, von XHTML redet niemand mehr, und auch die Entwicklung und Unterstützung von CSS ist um Einiges weiter. Auch fast alle Grundlagentexte müsste man schon lange fortschreiben. Falls Sie die Texte dennoch lesen möchten, behalten Sie das bitte im Hinterkopf.

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von Jens Grochtdreis

Egal welche komplizierten oder tollen Techniken wir zur Erschaffung unserer Website oder Applikation nutzen, am Ende müssen wir immer mindestens (X)HTML ausgeben, um etwas in einem Browser anzuzeigen. Soll das Ganze auch noch hübsch aussehen, nutzen wir CSS. Und soll auch noch Dynamik rein, kommen wir um JavaScript nicht herum. All diese Techniken werden Webstandards genannt.

Was ist ein Standard?

Bisher habe ich immer wie selbstverständlich von »Webstandards« gesprochen. Aber was verstehen wir eigentlich unter einem Standard? Wikipedia meint hierzu:

Ein Standard ist eine vergleichsweise einheitliche oder vereinheitlichte, weithin anerkannte und meist auch angewandte (oder zumindest angestrebte) Art und Weise, etwas herzustellen oder durchzuführen, die sich gegenüber anderen Arten und Weisen durchgesetzt hat. [...] Ein Standard kann in einem formalisierten oder nicht formalisierten Regelwerk bzw. in einem sich ungeplant ergebenden Regelfall bestehen, beispielsweise in einer einzelnen Regel bzw. mehreren Regeln oder einer Norm.

XHTML und CSS sind genau wie JavaScript formalisierte Regelwerke, die beschreiben, wie Inhalte einer Seite organisiert und mit Layout und Dynamik versehen werden sollen. An diesen Regeln haben unter anderem alle Browserhersteller mitgearbeitet. Diese Regeln sind nicht endgültig, sondern werden Überarbeitungen unterzogen. Auch die Standards tragen der Dynamik des Internets Rechnung, obgleich in zeitlich großem Abstand.

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Der Sinn von Standards

Der Sinn von Standards erschließt sich, wenn man in die Anfangszeit des Webs zurückblickt. Die Browserhersteller versuchten, sich mit Eigenerfindungen zu übertreffen und ihre Browser mit neuen, coolen Features attraktiver zu machen. Es war notwendig, Webseiten für einen Browser zu »optimieren«. Wollte man zwei Browser bedienen, begann das Abenteuer. Die Alternative war die Ausgrenzung großer Nutzerscharen. Wenn Sie für das Internet entwickeln, können Sie niemals voraussehen, welchen Browser in welcher Konfiguration ein Nutzer hat. Eine Fokussierung auf Spezialfähigkeiten eines Browsers ist also eine Sackgasse, die Ihnen deutlichen Mehraufwand und Ihren Kunden dementsprechend höhere Kosten aufnötigt.

Eine Standardisierung ist wirtschaftlich vernünftig. Sie schafft auch eine gewisse Zukunftssicherheit, denn es ist höchst wahrscheinlich, dass künftige Browser alten Code interpretieren können, wenn er sich an Standards hält. Dies können wir beispielsweise von Elementen nicht sagen, die nur in einem bestimmten Browser funktionieren – beispielsweise layer bei Netscape.

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Die Realität der Browserhersteller

So schön die Standardisierung in der Theorie ist, so traurig ist oft die Realität. Jahrelang konnten wir eine Trennlinie zwischen Microsoft, das sich wenig für Standards interessierte, und den anderen Browserherstellern ziehen. Diese Trennung scheint sich aufzulösen. Microsoft hat verstanden, dass es im Interesse aller ist, wenn ihre Produkte den Standards vermehrt folgen. Eine Besserung ist mit dem IE 8 auf alle Fälle zu konstatieren, trotz einiger Kritikpunkte. CSS 2 wurde 1998 als W3C-Empfehlung veröffentlicht, also als Standard bekannt gegeben. Der IE 8 steht zehn Jahre später vor der Tür und beherrscht noch immer nicht alle damals festgelegten Attributselektoren. Und obwohl Safari, Opera und Firefox jeweils gute Unterstützung der Webstandards (X)HTML und CSS bieten, so können sie doch nicht von sich behaupten, diese komplett und fehlerlos anzubieten (siehe die Web browser standards support summary). Die Unterstützung des Media-Attributs für Handybrowser ist nahezu gleich null, was eine Entwicklung alternativer Oberflächen für Handys erschwert.

Der beste Standard ist also nur so gut, wie es die Browserhersteller zulassen. Auch alternative Zugangsgeräte wie Screenreader (siehe Kapitel 2.9.2) haben manchmal ihre standardfernen Eigenheiten. Findet beispielsweise JAWS keine Legende in einem Fieldset (siehe Kapitel 5.10.4), nimmt es die nächstgelegene Überschrift stattdessen als Ersatz.

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Die Realität der Standards

Natürlich ist es einfach, den Browsern schlechte oder mangelnde Implementierung der Standards vorzuwerfen. In manchen Situationen sind aber auch die Standards sehr unbestimmt, sodass den Browserprogrammierern nur eigene Interpretationen bleiben. Sehr auffällig ist dies bei Formularen. Eric Meyer hat in einem Artikel [Meyer 2007] sehr schön seziert, warum wir beim Styling von Formularen mittels CSS so großen Differenzen und »Unmöglichkeiten« begegnen.

Wir dürfen nie außer Acht lassen, dass HTML und CSS noch von Menschen entwickelt wurden, denen der reine Informationsaustausch über alles ging. Zudem hatten wir Ende der 90er-Jahre des letzten Jahrtausends noch keine Webapplikationen wie heute. Das Internet hatte einen ganz anderen Charakter. Die heutigen Ansprüche sind mit Auszeichnungssprachen, die für den Austausch wissenschaftlicher Dokumente geschaffen waren, nicht adäquat zu bewältigen. Die Standards selbst müssen sich weiterentwickeln. Und nach der fälligen Weiterentwicklung müssen nicht nur die dann aktuellen Browser diese neuen Standards implementieren, sondern wir müssen auch eine Lösung für den Umgang mit den alten Browsern finden.

Wir sehen es derzeit am Anteil des IE 6. Dieser Browser kam 2001 auf den Markt, und obwohl Microsoft mittlerweile schon die zweite Nachfolgeversion vorlegt, ist der Anteil des IE 6 noch hoch. Um nicht ganz in der Entwicklung stehen zu bleiben und uns am schwächsten Glied – dem IE 6 – zu orientieren, müssen wir also Strategien dazu entwickeln, wie wir gleichzeitig moderne Webseiten erstellen und den veralteten Browser nicht komplett aussperren. Diese Strategien existieren (beispielsweise das Progressive Enhancement). Das letzte Problem sind die Auftraggeber, die selbst den IE 6 noch nutzen (müssen) und dementsprechend eine Ungleichbehandlung der Browser nicht goutieren.

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Standards sind mehr als nur pure Regeln

Ich möchte dem Missverständnis vorbeugen, es ginge bei der Anwendung der Webstandards nur um ein paar wenige Elemente und Regeln, die Sie lernen und anwenden müssen. Die sogenannte Webstandards-Bewegung – in Deutschland vor allem durch die Webkrauts präsent – wendet viel Energie auf, um Webautoren und -entwicklern zu erklären, dass korrekte Webseiten mehr sind als eine Ansammlung korrekt geschriebener Tags.

Die Basis einer Webseite ist die sinnvolle Anwendung der zur Verfügung stehenden Elementtypen. Allgemein wird dies als Semantik bezeichnet. Listen sollten genau so mit dem dafür passenden Element ausgezeichnet werden wie Tabellen oder Zitate. Elemente sollten nicht »missbraucht« werden, wie viele Webautoren es beim Tabellenlayout tun. Tabellen sind für tabellarische Daten gedacht. Eine valide Webseite ist noch nicht automatisch eine semantisch sinnvolle Webseite. Validität bedeutet nur, dass alle Elemente korrekt geschrieben wurden. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie auch sinnvoll eingesetzt wurden. Es ist wie bei unserer Sprache. Ein grammatikalisch korrekter Text muss nicht automatisch inhaltlichen Sinn ergeben (siehe auch Kapitel 3.2.6 und Kapitel 5.9.1).

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Was also sind Webstandards?

Webstandards sind Regeln, auf die sich die wichtigsten handelnden Unternehmen im Web als Basis der Interpretation von Webseiten geeinigt haben. Webstandards sind Regeln, an die sich Webautoren halten sollten. Im allgemeinen Sprachgebrauch fokussieren sich diese Standards auf (X)HTML, CSS, das DOM und JavaScript. Implizit wird mit dem Begriff »Webstandards« aber auch die sinnvolle Anwendung der Regeln gemeint.

Webstandards sind derzeit nur ein Versprechen, das von den Browserherstellern mehr oder weniger gut, niemals aber komplett eingelöst wird. Es ist nicht hilfreich, entschuldigend auf die Browserhersteller zu verweisen. Wir alle sollten nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen und für einen bestimmten Browser optimieren. Erst sollten wir alles korrekt schreiben, den Webstandards entsprechend. Danach kann man immer noch schauen, wie man den Fehlinterpretationen einiger Browser begegnet.