29. Oktober 2003, Letzte Änderung: 24. August 2009
Entwurf durch einen Ausschuss
Nahezu alle Spezifikationen werden eher durch einen Ausschuss als durch eine Einzelperson erstellt. Die W3C-Arbeitsgruppen bestehen typischerweise aus etwa 10 bis 20 Personen, die ein Jahr oder länger zusammen an einer neuen Technologie arbeiten.
»Entwurf durch einen Ausschuss« hat keinen guten Ruf (Spezifikationen sind ein Flickwerk an inkonsistenten Lösungen, oftmals redundant, und deswegen zu groß und zu schwer zu erlernen), aber in Wirklichkeit entstehen nicht automatisch schlechte Ergebnisse. Denken wir an das Sprichwort »Vier Augen sehen mehr als zwei«, und genau aus diesem Grund gibt es Arbeitsgruppen: mehrere Augenpaare können genauer nach Fehlern suchen, bringen mehr Kreativität beim Finden von Problemlösungen und mehr Erfahrung mit, sie wissen, was in der Vergangenheit funktionierte und was nicht.
Aber der »Entwurf durch einen Ausschuss« bringt auch Probleme mit sich, die vermieden werden müssen. Etwa 15 Mitglieder sollten die Grenze sein, denn größere Gruppen tendieren dazu, lockere Untergruppen zu formieren und verlieren zu viel Zeit mit Kommunikation untereinander, anstatt zu entwickeln.
Kleinere Gruppen produzieren konsistentere und leichter verwendbare Spezifikationen, aber sie können einige Dinge weglassen, von denen sie nicht wussten, dass jemand sie benötigen könnte. Eine Lösung könnte sein, eine größeren Kreis an interessierten Personen in Form einer öffentlichen Mailing-Liste um sie herum zu schaffen.
Auf diese Weise entwickelt das W3C seine Technologien: Eine Arbeitsgruppe bestehend aus Experten und eine Mailingliste für andere interessierte Personen. Darunter kann es welche geben, die sich nur für ein Detail interessieren oder nur gelegentlich Zeit haben, über die Entwicklung zu diskutieren. In der Arbeitsgruppe würden sie den Entwicklungsprozess behindern, aber in der Mailingsliste können sie wertvolle Beiträge leisten.
Anmerkung des Übersetzers:
Die Mailinglisten, von denen der Autor spricht, und ein großes Archiv älterer Beiträge und Diskussionen sind unter http://lists.w3.org/ zu finden.
Das IETF zeigt, dass es möglich ist, Technologien mit einer einzigen, offenen Gruppe von Personen zu entwickeln, ohne zwischen Leuten, die sich zu einer bestimmten Menge an Arbeitsaufwand verpflichtet haben, und Leuten, die das nicht getan haben, zu unterscheiden. Aber IETF-Gruppen tendieren dazu, systemnahe, sehr technische Spezifikationen zu verfassen, wohingegen W3C-Spezifikationen näher am Durchschnitts-User sind (wenigstens werden sie so wahrgenommen) und daher mehr interessierte Personen anziehen. Es kann auch sein, dass das Umfeld sich geändert hat: Das Publikum des Internets heute unterscheidet sich von dem vor den Zeiten des Webs.
Natürlich setzt das Zwei-Stufen-System den Willen des Ausschusses voraus, die Meinungen »von außen« zu beachten. Es braucht einige Zeit, die Mailing-Liste nach wichtigen Nachrichten zu durchsuchen und diese, falls nötig, zu beantworten. Aber vor allem anderen benötigt es eine Offenheit des Ausschusses, seine Gründe für die eine oder andere Entwicklung der Öffentlichkeit gegenüber zu kommunizieren, auch wenn er es manchmal nur mit dem kurzfristen Belang eines einzelnen Unternehmens zu tun hat. Und es erfordert eine entsprechende Offenheit der Öffentlichkeit, diese Gründe als stichhaltig zu akzeptieren.