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Was ist ein guter Standard?

Verwende, was bereits da ist

Wenn man auf die ersten zehn Jahre des Webs zurückblickt, sieht es zweifellos so aus, als hätte es eine Revolution gegeben. Das Web läuft nun mit HTML, HTTP und URLs, nicht mit dem, was es vor den 1990ern gegeben hat. Es liegt allerdings nicht nur an der Qualität dieser Formate und Protokolle, dass das Web abgehoben hat. In der Tat war das ursprüngliche HTTP bezogen auf seine Fähigkeiten ein schlechteres Protokoll als zum Beispiel Gopher oder FTP, und HTML war damals nicht das, was es jetzt ist: es verfügte nicht über eingebettete Bilder, Tabellen, Farben...

In den frühen Tagen luden viele Leute ihre Homepages eher auf FTP-Server als auf HTTP-Server. Und diese Tatsache zeigt deutlich, was das Web überhaupt möglich gemacht hat: es hat nicht versucht, Dinge, die bereits funktionierten, zu ersetzen, es hat lediglich neue Module hinzugefügt, die in die bestehende Infrastruktur passten. HTML kann von FTP- oder Gopher-Servern ausgeliefert werden; Browser können reinen Text oder FTP-Verzeichnislistings darstellen; URLs sind für jede Art von Protokoll geeignet und so weiter.

Und zurzeit (im Jahre 2000) mag es so aussehen, als ob alles auf XML und HTTP basiert, aber dieser Eindruck besteht nur deshalb, weil die »alten« Techniken so gut integriert sind, dass man sie vergisst: es gibt keinen Ersatz für E-Mail oder das Usenet, für JPEG oder MPEG und viele andere wichtige Bestandteile des Web.

Anmerkung des Übersetzers:

Viele mögen an dieser Stelle einwenden, dass E-Mail und Usenet nicht Bestandteil des Webs sondern wie das Web auch ein Teil des Internets sind. Dabei sollte man nicht übersehen, dass das Web für Tim Berner-Lee aus allen Informationen besteht, die über Netzwerke miteinander verbunden sind. Und schließlich kann man innerhalb eines HTML-Dokuments auch Newsgroups verlinken, und viele Webbrowser integrieren neben HTTP alte und neue Protokolle wie FTP, NNTP oder SMTP/POP.

Im Laufe der Zeit kann eine Technologie natürlich durch eine bessere ersetzt werden. GIF wird langsam durch PNG ersetzt, SMIL ersetzt diverse andere Formate, das gleiche gilt für SVG. Das Web ist eine konstante Entwicklung. Es gibt keinen »Tag 0«, an dem alles ganz von vorne beginnt. Zu jeder Zeit gibt es alte und neue Technologien, die zusammenarbeiten.

So soll es sein! Technologien verbessern sich unterschiedlich schnell. Zu versuchen, drei oder vier neue Spezifikationen gleichzeitig zu veröffentlichen, füllt unsere Kapazitäten bereits aus. Und Software wegzuwerfen, die funktioniert, wenn auch nicht perfekt, und jedem etwas Neues beizubringen, wäre eine große Verschwendung von Ressourcen.

Leider gibt es in jeder Organisation, die Standards entwickelt (das W3C nicht ausgeschlossen), die Tendenz, alles, was andere Organisationen entwickelt haben, durch eigene Dinge zu ersetzen. Das ist das »nicht-hier-erfunden-Syndrom«, ein Gefühl, dass Dinge, die nicht für das »Web« entwickelt worden sind, irgendwie minderwertig seien. Und dass »wir« es besser machen können als »die«. Aber auch wenn das wahr sein sollte, kann es der Fall sein, dass die zu erwartende Verbesserung es noch immer nicht wert ist, die Ressourcen einer kompletten Arbeitsgruppe dafür aufzuwenden.

Und vor allem: Entwickle keine Technologie, die nur mit Technologien zusammenarbeitet, die sich noch überhaupt nicht durchgesetzt haben, ganz gleich wie vielversprechend sie sich anhören! Das Risiko ist zu groß. Ein Beispiel: Im Moment (2000) verspricht XLink eine mächtige Technologie zu werden, neuen XML-Formaten Hyperlinks hinzuzufügen, aber CSS 3, was zurzeit entwickelt wird und was Hyperlinks in XML-Dokumenten stylen soll, kann sich nicht auf XLink stützen. Es muss ebenso mit nicht-XLink-Hyperlinks umgehen können.

Siehe auch

[Nielsen98a]
Nielsen, Jakob. Does Internet = Web?. 20 Sep 1998. Alertbox column. URL: http://www.useit.com/alertbox/980920.html