Die Wissensgesellschaft

Dieser Artikel stellt heraus, dass der Begriff »Wissensgesellschaft« nur ein Schlagwort von vielen ist, sich aber dennoch gesellschaftliche Veränderungen bemerkbar machen, die ein solches Label begründen.

Der Artikel wurde verfasst am 30. Januar 2003 und für das Web aufbereitet am 19. Februar 2003. Ende November 2005 wurde er grundlegend überarbeitet.

Definition des Begriffs »Wissen«

Während es auf den ersten Blick klar zu sein scheint, was der Begriff Wissen bedeutet, ist es offenbar sehr schwer, eine allgemein anerkannte, gültige Definition dafür anzugeben.

Wissen ist gerechtfertigter wahrer Glaube

Nach einer insbesondere in der analytischen Philosophie geläufigen, auf Platon zurückgehenden Definition ist Wissen die Summe der als wahr gerechtfertigten Meinungen. Mit anderen Worten: Wissen ist gerechtfertigter wahrer Glaube.

Die Bedeutung von Sätzen nach dem Schema »Schmidt weiß, dass p« könne folglich durch drei notwendige und zusammen hinreichende Bedingungen angegeben werden:

  1. P ist wahr.
  2. Schmidt glaubt, dass p.
  3. Schmidt ist gerechtfertigt zu glauben (hat gute Gründe zu glauben), dass p.

Erst 1963 führte Edmund Gettier Gegenbeispiele an, die darlegen, dass die drei angeführten Sätze eben nicht immer eine hinreichende Bedingung dafür formulieren, dass jemand eine gegebene Aussage (definitiv und unbestreitbar) weiß.

Der Versuch, Wissen als gerechtfertigten, wahren Glauben zu definieren, ist damit fehlgeschlagen. Betrachten wir ein weiteres Denkmodell.

Wissen ist die Befähigung zum Handeln

Francis Bacon, englischer Philosoph, Schriftsteller und Staatsmann entwickelte in seinem 1620 veröffentlichten Werk »Novum Organum« die These »scientia est potentia«, landläufig mit »Wissen ist Macht« übersetzt. Er führt aus, dass sich der besondere Nutzen des Wissens von seiner Fähigkeit ableitet, etwas in Bewegung zu setzen.

Unser heutiges Verständnis der Aussage »Wissen ist Macht« ist genau genommen aus zwei Gründen falsch:

  1. Aus dem Kontext des Werks heraus muss »scientia est potentia« mit »Macht des Wissens« übersetzt werden, auch wenn sich daraus kein so einprägsamer Slogan ergibt.
  2. Der etymologische Ursprung des Wortes »Macht« liegt in dem, was wir heute als »Befähigung einen Unterschied zu machen« umschreiben würden. Folglich ist nicht unser heutiges Verständnis des Begriffs Macht gemeint, also die Art Macht, die über eine Person oder zum Zweck des Erreichens eines bestimmten Ziels ausgeübt wird.

Aus dem Ausdruck »Macht des Wissens« lässt sich somit eine weitere Definition von Wissen ableiten: Wissen als die Befähigung zum Handeln.

Martin Heidenreich, Professor an der Fakultät Sozial- und Wirtschaftswissenschaften an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, gelangt zu derselbe These, wenngleich aus anderen Überlegungen heraus. Er legt dar, dass Wissen immer mit überprüfbaren Wahrheitsansprüchen verbunden ist. Menschen erleben zwar keinesfalls das Gleiche, aber sie können sich über ihre Erlebnisse verständigen und gemeinsame Vorstellung von der Wirklichkeit erarbeiten. Diese Vorstellungen sind keinesfalls ein für allemal festgeschrieben; Lernen ist möglich. Denn wir können die Wahrheit einer Vorstellung aufgrund ihrer Bewährung in der Praxis beurteilen. Das, was wir als Tatsachen ansehen, wird immer vor dem Hintergrund unserer bisherigen Erfahrungen und einer prinzipiell selektiven Wahrnehmung konstruiert.

Ein einfaches Beispiel: Jeder von uns erkennt Newtons Modell der Gravitation – so wie wir es in der Schule gelernt haben – als richtig an, da uns tagtäglich bewusst wird, dass Dinge nach unten fallen.

Heidenreich spricht von einer sozial konstruierten Realitätsgewissheit, welche die Voraussetzung für jegliches Denken und Handeln sei. In diesem Sinn könne Wissen gleichgesetzt werden mit der Fähigkeit zum Handeln.

Kleinster gemeinsamer Nenner

So sehr Wissenschaftler sich um eine präzise Definition des Begriffs »Wissen« bemühen und so sehr diese sich auch voneinander unterscheiden, drei Aussagen lassen sich jedoch als eine Art kleinster gemeinsamer Nenner formulieren:

  1. Dem Wissen liegen Informationen zugrunde.
  2. Diese Informationen müssen in sich stimmig, überprüfbar und nachvollziehbar sein.
  3. Das Wissen muss sich in Übereinstimmung mit den wahrnehmbaren Bedingungen einer Umwelt befinden.

Allein ein Blick auf die Wissenschaftsgeschichte sollte uns für die These empfänglich machen, dass wir immer nur glauben zu wissen. Zu oft wurden ganze Gebäude des Wissens zum Einsturz gebracht, wenn sich eine neue Hypothese als tragfähiger erwies – bis dass auch dieses vermeintlich gesicherte Wissen durch neue Erkenntnisse in Zweifel gezogen wurde.

Auch hier lässt sich das Modell der Gravitation als Beispiel heranziehen. Newtons Gravitationsgesetz war die erste physikalische Theorie, die die gegenseitige Anziehung von Massen erklärte und sich auch in der Astronomie anwenden ließ. Albert Einstein definierte die Gravitation im Rahmen seiner im Jahre 1916 aufgestellten allgemeinen Relativitätstheorie als Krümmung der Raumzeit neu. Newtons Gesetz wird dadurch auf einen nichtrelativistischen Grenzfall für die Situation hinreichend schwacher Raumzeitkrümmung reduziert. Und vielleicht wird sich in Zukunft zeigen, dass auch Einsteins Theorie nur Teil einer viel umfassenderen Theorie ist. So werden der Zweifel und die daraus resultierende Forschung zur wahren Triebfeder neuen Wissens.

Von der Agrargesellschaft zur Wissensgesellschaft

Seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre wird in Politik und Wissenschaft wieder verstärkt auf das schon in den 1960er und 1970er Jahren vorgeschlagene Konzept der Wissensgesellschaft zurückgegriffen. Die Begriffe Wissensgesellschaft, Wissensarbeit, Wissensmanagement, Wissensmaschinen oder wissensbasierte Organisation haben ihren Platz in Festreden, in Forschungsprogrammen und in bildungspolitischen Leitlinien erobert.

Wenn die Definition des Begriffs Wissen derartige Schwierigkeiten bereitet, dann sind gewiss auch folgende Fragen erlaubt:

  • Was genau bezeichnet der Begriff Wissensgesellschaft?
  • Wodurch unterscheidet die Wissensgesellschaft sich von anderen Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens?

Ich halte es für eine gute Strategie, einen Blick zurück zu wagen und andere Gesellschaftsbegriffe zu betrachten, um sich dem Begriff Wissensgesellschaft historisch anzunähern.

Agrargesellschaft

Eine Gesellschaft mit einem hohen Anteil an Beschäftigen im primären Wirtschaftssektor (Bergbau, Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft) bezeichnet man als Agrargesellschaft. Deren Wirtschaft beruht hauptsächlich oder ausschließlich auf nichtindustrieller Landwirtschaft. Kennzeichen sind geringe Arbeitsteilung, starke Selbstversorgung und geringe Pendelwanderung der Beschäftigten. Handel mit landwirtschaftlichen Produkten findet nur in geringem Maß statt, sodass der überwiegende Teil der Bevölkerung in der landwirtschaftlichen Produktion beschäftigt ist.

Alle europäischen Gesellschaften waren vor der industriellen Revolution Agrargesellschaften – Deutschland bis Ende des 19. Jahrhunderts. Die wenigen kleinen Städte waren jeweils in ein größeres agrarisch geprägtes Umfeld eingebettet, das diese mit Lebensmitteln versorgte.

Industriegesellschaft

Die Agrargesellschaft wurde durch die Industriegesellschaft abgelöst, eine Gesellschaftsform mit einem technisch-wirtschaftlich hohen Standard. Sie zeichnet sich aus durch

  • ein ausgeprägtes Fortschritts-, Leistungs- und Erfolgsstreben,
  • ein hohes Ausbildungsniveau,
  • einen hohe Grad an Arbeitsteilung und damit zusammenhängend eine permanente Steigerung der Produktivität,
  • eine hohe vertikale und horizontale Mobilität,
  • die räumliche Trennung der verschiedenen Lebensbereiche,
  • einander ablösende Zentren von Industrie und Handel,
  • Verstädterung und
  • den Funktionsverlust von Familie und Verwandtschaft.

Deutschland war bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts eine Industriegesellschaft.

Dienstleistungsgesellschaft

Häufig wird die Industriegesellschaft als Zwischenstufe zwischen der Agrar- und der Dienstleistungsgesellschaft betrachtet. Dies geht zurück auf die unter anderem von Jean Fourastié entwickelte Drei-Sektoren-Hypothese. Sie beschreibt, dass sich der Schwerpunkt der wirtschaftlichen Tätigkeit zunächst vom primären Wirtschaftssektor (Produktionsgewinnung), auf den sekundären (Produktionsverarbeitung) und anschließend auf den tertiären Sektor (Dienstleistung) verlagert.

Durch die Produktivitätssteigerung in den ersten beiden Sektoren werden Arbeitskräfte frei. Der Dienstleistungsbereich dient als Auffangbecken für die freien Arbeitskräfte. Durch die steigenden Realeinkommen wächst die private, kaufkräftige Nachfrage nach Dienstleistungen. Verstärkt wird dies durch die Veränderungen in den Lebensbedingungen und in der Bevölkerungsstruktur. Beispiele dafür sind unter anderem

  • die Nachfrage nach Freizeitangeboten aufgrund sinkender Arbeitszeit und
  • der erhöhte Bedarf an Pflegediensten durch höhere Lebenserwartung der Bevölkerung.

Zusätzlich gibt es einen erhöhten Bedarf im Bereich der Planung und Durchführung der Güterproduktion und der Verteilung der Güter nach Dienstleistungen innerhalb der produzierenden Gewerbe. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einer industriellen Dienstleistungsgesellschaft in den Industrieländern. Eine weitere Ursache dafür ist die wachsende Komplexität sozialer und ökonomischer Systeme. Dabei steigt der Bedarf an Regelung, Vermittlung und Steuerung. Insgesamt führt die Entwicklung also zu weiter verstärkter Arbeitsteilung; zugleich kommt es zu vermehrter Bürokratisierung der Gesellschaft.

Wissensgesellschaft

Lassen sich die Etikette Agrargesellschaft, Industriegesellschaft und mit Einschränkungen auch Dienstleistungsgesellschaft noch an eindeutigen Charakteristika festmachen, so erlebten wir in den vergangenen Jahrzehnten eine Flut von weiteren solchen Schlagwörtern. Deren Bedeutung ist weitaus diffuser: Aus der Industriegesellschaft wurde die Arbeitsgesellschaft, nach dem Atomunfall in Tschernobyl kam die Formel Risikogesellschaft auf. Danach lebte man – jeweils nicht sehr lange – in

  • der Erlebnisgesellschaft,
  • der Multioptionsgesellschaft,
  • der Netzwerkgesellschaft,
  • der Verantwortungsgesellschaft,
  • der Freizeitgesellschaft oder
  • der Informationsgesellschaft.

Allen diesen Schlagwörtern ist gemein, dass sie sehr wenig über die Inhalte aussagen, die sie betiteln sollen, von Abgrenzungskriterien ganz zu schweigen.

Auch der Begriff Dienstleistungsgesellschaft ist heute nicht mehr en vogue. Die Zuordnung des Dienstleistungssektors zum tertiären Sektor ist heute nur noch in wenigen Bereichen haltbar. Unter anderem wird daher die Einfügung eines vierten Sektors »Wissenssektor« propagiert und eine Entwicklung zur Wissensgesellschaft statt zur Dienstleistungsgesellschaft prognostiziert. Jeannette Hofmann, Internetforscherin und Leiterin des Verbundprojekts »Internet und Politik« am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, schreibt dazu:

»Die Zeit der rauchenden Schlote, der Massenproduktion und monotonen Handarbeit ist vorbei, die Zukunft gehört der Wissensverarbeitung, den intelligenten und sauberen Jobs. Demnach befinden wir uns inmitten eines Strukturwandels, an dessen Ende die Wissensgesellschaft das Industriezeitalter abgelöst haben wird, so wie jenes einst die Agrargesellschaft verdrängte.«

Dabei ist vielleicht nicht die Bezeichnung, aber zumindest die Idee der Wissensgesellschaft alles andere als neu. Karl Marx zufolge wurden bereits in der Industriegesellschaft Wissensarbeiter in den Produktionsprozess mit einbezogen:

»Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt.«

Im Mittelpunkt der Veröffentlichungen des deutschen Volkswirtschaftlers und Soziologen Werner Sombart steht die Systematisierung, Rationalisierung und Verwissenschaftlichung gesellschaftlicher Praktiken. Max Weber, deutscher Volkswirtschaftler und Wirtschaftsgeschichtler, setzte sich mit der Bürokratie auseinander, die er als besondere Form des Umgangs mit Wissen, als Herrschaft kraft Wissen, analysiert.

Martin Heidenreich fasst die Entwicklung zusammen:

»Im Laufe von Jahrhunderten entwickelte sich seit der italienischen Renaissance ein neuer, stärker empirisch ausgerichteter Umgang mit Wissen, der durch die Wechselwirkung zwischen allgemeinen Theorien, technischer Problemlösungen, empirischen Beobachtungen und logischen Beweisverfahren gekennzeichnet ist.«

Der Begriff Wissensgesellschaft als solcher wurde 1966 von Robert Lane in seinem Artikel »The Decline of Politics and Ideology in a Knowledgeable Society« geprägt. Schon dort schieb er über eine Gesellschaft, deren Mitglieder sich durch Wissenschaft und Bildung Wissen aneignen, um es auf Probleme anzuwenden oder ihre Wertvorstellungen und Ziele voranzutreiben.

Der Charakter der Wissensgesellschaft

Die Wissensgesellschaft als solche hat es als Motor oder Ergänzung der Industriegesellschaft von lange gegeben. Es wäre auch naiv zu glauben, dass Wissen in Industriezweigen wie Chemie oder Maschinenbau keine Rolle gespielt haben sollte. Dass der Begriff der Wissensgesellschaft derzeit in aller Munde ist – gerade auch in denen der Politiker – ist aus diesen Gründen für viele Soziologen und Wirtschaftswissenschaftler nicht viel mehr als eine Modeerscheinung oder eine Marketingmaßnahme.

In der allgemeinen Begeisterung über die Wissensgesellschaft wird schnell darüber hinweggesehen, dass ihr eigentliches Wesen und die Abgrenzung gegenüber der Industriegesellschaft, der wir ja entwachsen sein wollen, sehr verschwommen sind.

Gleichgültig, welcher Definition von Wissen man sich anschließt, Wissen wird als Allgemeingut verstanden, an dem prinzipiell jeder partizipieren kann. Dem Wachstum des Wissens sind keine Grenzen gesetzt. Wissen ist somit weder ein neues, noch ein knappes Gut. Darüber hinaus ist der Begriff, wie zu Beginn erläutert, nicht eindeutig definierbar; sehr schlechte Voraussetzung also für eine neue Gesellschaftsform, die diesen Begriff zugrunde legt. Man kann zudem aus guten Gründen fragen, ob eine Gesellschaft durch Wissen definiert werden kann, obwohl keine Gesellschaft ohne Wissen auskommt.

Nach Daniel Bell, amerikanischer Publizist und Soziologe, lassen sich dennoch drei Punkte festhalten, an denen sich ein Strukturwandel hin zu einer Wissensgesellschaft nachvollziehen lässt:

  • In ökonomischer Hinsicht sind Gesellschaften des späten 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts nicht mehr vorrangig an der industriellen Fertigung orientiert, sondern an einer Dienstleistungsökonomie. Um die Produktion herum gruppieren sich mittlerweile wissensintensive produktionsbegleitende Dienstleistungen wie zum Beispiel Forschung und Entwicklung, Design, Logistik, Marketing, Beratung und Service sowie Management und betriebliche Organisation. Immer weniger Menschen sind mit der Produktion oder der Bewegung von Gütern beschäftigt.
  • In kognitiver Hinsicht verändert sich das Verhältnis zwischen Wissensarbeit und eigentlicher Produktion, da die wissensbezogene Vor- und Nachbereitung immer mehr Zeit beansprucht. Erfahrungswerte spielen in der heutigen Gesellschaft kaum noch eine Rolle; zu schnell geht die technische und wissenschaftliche Produktion voran. Produktive Tätigkeiten in allen Bereichen werden mehr und mehr von Wissen abhängig. Nico Stehr, Professor für Soziologie in Kanada, schrieb im Jahre 2001:

    »Dass unsere gegenwärtigen, entwickelten Industriegesellschaften als moderne Wissensgesellschaften bezeichnet werden können, liegt (…) am unbestreitbaren Vordringen der modernen Wissenschaft und Technik in alle gesellschaftlichen Lebensbereiche und Institutionen.«

  • Dienstleistungsberufe werden im gesellschaftlichen Bewusstsein immer mehr aufgewertet. Es ist heute, zumindest in unserer Gesellschaft, nicht mehr in, Stahlarbeiter, Schreiner oder Elektriker zu sein. Heutzutage wird der Webdesigner, Architekt oder Manager weitaus mehr akzeptiert und geachtet. Die Symbolfigur unserer Zeit hat einen Hochschulabschluss und ist bereit zum lebenslangen Lernen.

Wissen in der digitalisierten Welt

Es liegt auf der Hand, dass Wissen in einer Gesellschaft, die sich durch Wissen definiert, nicht durch eine kleine Gruppe von Experten gehortet und an Eingeweihte weitergeleitet werden kann. Es musste ein Paradigmenwechsel stattfinden. Jeder kann an der kollektiven Konstruktion von Wissen partizipieren und mitwirken. Wissen muss folglich jedem jederzeit zugänglich sein und jeder muss die Möglichkeit haben, selbst zum Wissensvorrat der Gesellschaft beizutragen. Auf diese Weise werden intellektuelle Ressourcen in nie gekanntem Maße mobilisiert und zusammengelegt.

Die Erfindung des Buchdruckverfahrens um 1450 durch Johannes Gutenberg war der erste Schritt in diese Richtung. Vor dessen Erfindung lag die Produktion von Büchern in den Händen von Mönchen, Kopistenzünften, Briefmalern und Kartenmachern, aus denen wiederum Formschneider und Briefdrucker hervorgingen. Man verwendete Druckplatten aus dünnen Metalltafeln oder Holz, in die man die Zeichnung eingrub, indem man entweder deren Umrisslinien stehen ließ und den Rest hinweg stach oder umgekehrt. Allen Fertigungsverfahren gemein waren eine sehr geringe Stückzahl der Bücher und eine dementsprechend geringe Verbreitung.

Mit der Erfindung Gutenbergs breitete sich die Kunst des Buchdrucks in wenigen Jahrzehnten in ganz Europa aus und in den Jahrhunderten danach über die ganze Erde. In den ersten 50 Jahren wurden 30.000 Titel mit einer Auflage von 12 Millionen Exemplaren produziert. Die schnelle Verbreitung und die stetige Verbesserung und Weiterentwicklung des Buchdrucks und der Herstellung von Papier machten das Buch zur Massenware. Dies war eine wesentliche Voraussetzung für die Reformation und später für das Zeitalter der Aufklärung. Wissen wurde zum Allgemeingut im Abendland.

Heute sind wir viele, viele Schritte weiter.

  • Wissen wird zunehmend digitalisiert, für CD- oder DVD-Roms aufbereitet, per E-Mail ausgetauscht oder über das Internet verfügbar gemacht.
  • Fachartikel werden sowohl in entsprechenden Fachzeitschriften gedruckt wie auch ins Web gestellt oder auch zunehmend ausschließlich für das Web geschrieben.
  • Zeitungen, Magazine und Zeitschriften jeder denkbarer Art – von Bunte, Bild und Playboy bis hin zum Spiegel oder der Financial Times – sind mit einer eigenen Website im World Wide Web präsent, um Teile ihres Angebots online zur Verfügung zu stellen – in den meisten Fällen gratis – oder um ihre gedruckte Ausgabe zu ergänzen.

    Die Anzahl der verkauften Exemplare des Spiegels liegt derzeit bei rund 4,5 Millionen Exemplaren. Zum Vergleich: Im Juli 2004 zähle Spiegel Online 39 Millionen Besuche und 200 Millionen Seitenaufrufe. Dadurch ergeben sich zahlreiche neue Möglichkeiten und Vorteile.

  • Fachbücher erscheinen oft parallel in Druckform wie auch als Online-Tutorial. Das beste Beispiel hierzulande ist SelfHTML, das online zu einem umfangreichen Portal ausgearbeitet wurde, das das eigentliche Buch um eine große Anzahl themenbezogener Artikel, Tipps und Tricks, einem Forum, Chat, Linkverzeichnissen und Essays ergänzt – und mittlerweile offenbar mehr ein Lebensgefühl ist als nur ein Buch.
  • Das Projekt Gutenberg-DE stellt Tausende Werke von A wie Aristoteles bis Z wie Zweig im World Wide Web zur Verfügung. Mittlerweile wurden mehr als 90.000 Text- und Bilddateien in das Archiv aufgenommen. Der Ausdruck des Archivs erfordere mehr als eine Viertelmillion Blatt Papier.
  • Mit der Wikipedia steht seit 2001 eine komplette, immer weiter wachsende Enzyklopädie jedem frei im Web zur Verfügung. Jeder darf Inhalte unentgeltlich – auch kommerziell – nutzen, verändern und verbreiten. In diesem Artikel wurde von dieser Möglichkeit rege Gebrauch gemacht. Wikipedia gilt heute als die umfangreichste Sammlung originär freier Inhalte. Das Projekt existiert in mehr als 100 Sprachen. Im September 2004 überschritt der Umfang des Gesamtprojekts die Grenze von einer Million Artikeln. Die deutschsprachige Wikipedia enthielt im November 2005 mehr als 300.000 Artikel – die englische über 800.000.

Je stärker sich das Internet ausdehnt, desto umfangreicher wird der weltweit archivierte Wissensvorrat. Die Quantität wie hoffentlich auch die Qualität des verfügbaren Wissens werden sich in Zukunft immer weiter erhöhen. Der Gang in die Bibliothek oder in die Bücherei wird dadurch sehr wahrscheinlich überflüssig werden.

Wissen auffinden

Das Internet revolutioniert die Art und Weise, wie wir an Wissen gelangen. Auf der Suche nach Informationen bedienen wir als erstes die Suchmaschine unserer Wahl. Denn bereits heute finden sich zu jedem denkbaren Schlagwort Hunderte, wenn nicht Tausende oder Hunderttausende von Treffern, die Informationen zum gewünschten Thema versprechen. Das hat viele Vorteile, bringt aber auch Gefahren mit sich.

Der Wissensvorrat einer Gesellschaft setzt sich aus dem zusammen, was in Suchmaschinen gefunden werden kann.
Geodart Palm, Redakteur und Autor unter anderem bei Telepolis hat das Problem auf den Punkt gebracht:

»Suchmaschinen, allen voran Google, [begründen längst] eine Wissensherrschaft, der User in ihrem alltäglichen Gebrauch weitgehend unterworfen sind. Wenn Wissen Macht ist, sind Suchmaschinen Supermächte. Entscheidend ist nicht allein, welche Wissensspeicher eine Gesellschaft besitzt und in welchem Umfang über sie von Wissbegierigen verfügt werden kann, sondern letzthin bestimmt der typische Gebrauch von Millionen Nutzern über die herrschenden Meinungen. Google ist ein Globalisierungssieger des Netzes; und was in dieser Königssuchmaschine nicht verzeichnet ist, fristet sein Dasein eher an der Peripherie des vernetzten Wissens. Wer sucht heute noch verstaubte Zeitungsarchive oder Bibliotheken auf, um sich […] zu informieren?«

Nur eine Randbemerkung: Vor einigen Monaten ist diese Website aufgrund eines Providerwechsels aus dem Google-Index geflogen und erlebt in den drei Wochen »an der Peripherie des vernetzten Wissens« einen Besuchereinbruch von über 50%. Nicht auszudenken, welche Konsequenzen dies für ein Unternehmen haben kann, das seine Umsätze hauptsächlich oder gar ausschließlich im oder über das World Wide Web bestreitet!

Suchmaschinen sind manipulierbar.
Eine weitere Gefahr besteht darin, dass Suchmaschinen sich selbst sozusagen von innen heraus zerstören, indem sie ihre Glaubwürdigkeit und somit die Glaubwürdigkeit ihrer Suchergebnisse aufweichen.

Google beispielsweise lässt sich noch immer durch so genanntes Google-Bombing überlisten, ein seit Jahren bekanntes Problem. Google sortiert seine Trefferlisten unter anderem danach, wie häufig ein Dokument von anderen verlinkt wird. Wenn möglichst viele Seiten einen Link zu einem bestimmten Dokument mit einem entsprechenden Link-Text belegen, dann wird diese Seite unter dem passenden Suchbegriff gefunden, obwohl sie selbst das Suchwort nicht enthalten muss. Darüber hinaus wertet Google die Seite durch einen höheren Page Rank auf, das bedeutet, sie wird im Verhältnis zu anderen Seiten, die über dieses Suchwort gefunden werden, hoch in den Trefferlisten angezeigt. Und nur obere Suchmaschinenplätze werden von Suchenden entsprechend honoriert.

Die weltweite Suche nach dem Begriff »failure« (engl. für Fehler, Erfolglosigkeit, Versager) beispielsweise führt direkt zur offiziellen Biografie des amerikanischen Präsidenten George W. Bush (Stand: November 2005) – eine durchaus humorvolle Variante des Google-Bombings, aber nicht weniger bedenklich.

Suchmaschinen sind nicht vertrauenswürdig.
Die Gefahr der drohenden Kommerzialisierung von Suchmaschinen, die sich hohe Ranking-Positionen versilbern lassen, stellt ebenfalls ein Problem dar. So genannte Sponsoren-Links, also bezahlte und als solche gekennzeichnete Links, die aufgrund einer semantischen Abgleichung mit dem Suchwort ganz oben auf der Ergebnisseite angezeigt werden, sind weniger problematisch. Die Objektivität der anscheinend gewöhnlichen Suchergebnisse kann jedoch angezweifelt werden. Ist eine Seite wirklich aufgrund ihres natürlich Page Ranks oben in der Trefferliste oder stecken andere Automatismen dahinter?

Es wäre für den Suchmaschinennutzer unmöglich, eine derartige Lockung der Konsumenten nachzuvollziehen geschweige denn nachzuweisen.

Nicht die Qualität des im Web veröffentlichten Wissens ist maßgebend, sondern die der Webautoren.
Es liegt auf der Hand, dass jeder, der Inhalte im Web veröffentlicht, auch möchte, dass diese gelesen werden. Diverse Studien haben ergeben, dass rund drei Viertel aller Neukontakte, die über eine Website geknüpft wurden, über eine Suchmaschine auf die Website gelangten. Die Bedeutung von Suchmaschinen und Suchdiensten für eine Website ist daher nicht zu unterschätzen! Hohe Positionen versprechen viele Besucher. Wenn eine Website zugänglich und gut bedienbar ist, werden aus Besuchern vielleicht Kunden, und Kunden bringen Umsätze. Daher genügt es leider nicht, einfach nur gute Texte zu schreiben, also den Menschen zu bedienen. Mittlerweile muss man auch wissen, wie Inhalte für Suchmaschinen aufbereitet werden. Es besteht die Gefahr, dass bald nur noch die Webseiten auf den ersten Plätzen der Trefferlisten erscheinen, die besondern letztere Zielgruppe im Auge haben, und die wirklich guten Seiten untergehen, die für Menschen und nicht für Maschinen geschrieben wurden.

Am 16. April 2005 startete das c’t Magazin für Computertechnik einen Wettbewerb, der Erkenntnisse darüber liefern soll, wie Suchmaschinen Webseiten indizieren und bewerten und welche Möglichkeiten Webautoren haben, ihre Site höher in den Trefferlisten zu platzieren. Es gilt, für den Begriff »Hommingberger Gepardenforelle« Top-Positionen in den Google-, Yahoo-, MSN– und Seekport-Ergebnislisten zu ergattern. Der Begriff der Hommingberger Gepardenforelle wurde gewählt, um keinen Flurschaden anzurichten: Es gibt weder einen Ort Hommingberg noch eine Gepardenforelle, sodass die Suchmaschinen bis dato für diesen Begriff auch keine Treffer liefern. Mittlerweise erzielt die Suche nach »Hommingberger Gepardenforelle« bei Google über 3,1 Millionen Treffer! Wettbewerbe wie dieser forcieren das Problem noch weiter.

Der alltägliche Griff zu Google ist für uns so selbstverständlich geworden wie der Griff zur Fernbedienung. Wir brauchen Suchmaschinen, die uns das zeitaufwändige Suchen nach relevanten Wissen abnehmen oder zumindest erleichtern. Daher sollten Suchmaschinen gegen Korruptionsstrategien geschützt werden. Aber auch pluralistische Absicherungen, also die Gewährleistung von konkurrierenden Anbietern, sollte durch eine unabhängige Stelle gefördert werden, ähnlich wie die Entwicklung des World Wide Webs von einem unabhängigen Konsortium gesteuert wird. Eines der wichtigsten Themen der nächsten Jahrzehnte wird die Frage nach der Überwachung und Kontrolle des zunehmenden vernetzten Wissens sein.

Wissen aufnehmen

Das Internet verändert nicht nur die Art und Weise, wie wir an Wissen gelangen, sondern auch, wie und in welchem Umfang Wissen präsentiert wird und wie wir Wissen aufnehmen.

Web-Usability-Experten, also Fachleute, die sich mit der Zugänglichkeit, aber vor allem mit der Gebrauchstauglichkeit von Webseiten befassen, erarbeiteten in den letzten Jahren Richtlinien, inwiefern Texte für das Lesen auf dem Bildschirm geschrieben werden müssen, damit sie ohne zu ermüden gelesen und vor allem gescannt werden können. Sie stützen sich dabei auf jahrelange Untersuchungen des Leseverhaltens von Online-Nutzern. Diese haben ergeben, dass Inhalte und vor allem Texte auf dem Bildschirm ganz anders wahrgenommen und gelesen werden als in herkömmlichen Printmedien wie Zeitungen oder Zeitschriften.

  1. Nachdem die Seite geladen wurde, erfasst der Besucher zunächst deren groben Aufbau, blendet unwichtige Seitenbereiche vor dem geistigen Auge aus, erfasst zusammengehörige Bereiche und konzentriert sich auf wichtige Elemente wie Navigation und Inhalt.
  2. Texte werden nicht sequentiell durchgelesen, sondern überflogen und nach wichtigen Strukturmerkmalen wie Überschriften, Aufzählungen, Tabellen, hervorgehobene Stellen, Schlüsselwörter oder markante Bereiche durchsucht.
  3. Absätze werden nur angelesen. Finden sich am Anfang des Absatzes keine interessanten Informationen, wird er übergangen.
  4. Der Leser springt oftmals von einer Stelle der Seite zur nächsten, um sich die gewünschten Informationen herauszusuchen.

Um diesen Lesegewohnheiten entgegen zu kommen, gilt die Faustregel, dass Texte im Web nur etwa die Hälfte des Umfangs umfassen sollten, die sie in entsprechenden gedruckten Publikationen. Dieser Artikel richtet sich mit Absicht nicht an diese Vorgabe. Lange Texte sollten durch kurze Absätze, Zwischenüberschriften und Aufzählungen aufgelockert werden. Oftmals ist eine Vorgehensweise nach dem vor allem bei Pressetexten bewährten »invertierten Pyramidenprinzip« sinnvoll. Dabei steht das Wichtigste oben, zum Ende werden die Informationen immer detaillierter.

Wer das Lesen im Web gewohnt ist, wird Schwierigkeiten haben, gedruckte Publikationen in gewohnter Genauigkeit zu lesen, da er auf das schnelle Erfassen von Zusammenhängen in der prägnanteren Form im Web eingestellt ist. Es ist ein Trend erkennbar, dass der Mensch der Wissensgesellschaft viele oberflächliche Informationen gleichzeitig aufnehmen und verarbeiten kann, die geistige Fähigkeit, sich in Inhalte zu vertiefen, ihm jedoch verloren geht.

Weblogs, auch genannt Blogs, der aktuelle Trend der Kommunikation im World Wide Web, bestätigen diese These auf ganzer Linie. Weblogs sind Online-Journale, teilweise Tagebüchern sehr ähnlich, die sich durch häufige Aktualisierung auszeichnen. Typischerweise linken Blogger auf andere Webseiten und kommentieren aktuelle Ereignisse. Viele Einträge basieren auf Einträgen anderer Weblogs, indem sie Thesen und Argumentationen aufgreifen und fortführen, wodurch sich eine starke Vernetzung der Weblogs untereinander ergibt. Darüber hinaus bieten fast alle Weblogs die Möglichkeit, einen Eintrag zu kommentieren und so mit dem Autor oder anderen Lesern zu diskutieren. Weblogs kann man als eine neue Form des partizipativen Journalismus bezeichnen, also eine Tätigkeit einer Gruppe, die eine aktive Rolle im Prozess der Recherche, des Berichtens, den Analysierens sowie des Verbreitens von Nachrichten und Informationen einnimmt.

Ein typischer Weblog-Eintrag behandelt ein konkretes Thema kurz und knapp und gibt eher eine persönliche Meinung wieder als neutrale, sachliche, redaktionell aufbereitete Information. Durch Kommentare und starke Verlinkung wird der Leser eingeladen, von einem Weblog zum anderen zu springen. Es zeigt sich, dass diese fragmentarische und facettenreiche Wissensaufnahme den Lesegewohnheiten der Web-Nutzer sehr stark entgegen kommt, wodurch sich der enorme Erfolg und die fortlaufende Ausbreitung der Blogger-Szene erklären.

Das Internet in Form von verteilten Kommunikationsdiensten wie Mailinglisten, Newsgroups, Weblogs oder Foren ermöglicht eine vollkommen neue Form der Wissensverteilung. Menschen, die über Tausende von Kilometern voneinander entfernt an ihren Rechnern sitzen, kommen im Internet aufgrund ihrer gemeinsamen Interessen zusammen, unabhängig von Alter, Aussehen oder sozialem Status. Gleichgesinnte haben im Internet eine ideale Arbeitsumgebung gefunden, um gemeinsam an einer Sache zu arbeiten. Dabei profitiert jeder von dem Wissen der anderen. Eric Raymond, Autor und Programmierer in der Open-Source-Szene, spricht von einem »plappernden Basar«. Das populärste Ergebnis dieser Zusammenarbeit über das Netz ist die gesamte GNU-Bewegung, aus der das freie Computer-Betriebssystem Linux hervorgegangen ist. Dessen Entstehungsgeschichte ist inzwischen so populär und legendenumwoben, dass man sich fragen kann, wann diese Arbeitsform auf andere Felder der Wissenserzeugung übergreift.

Der Mensch in der Wissensgesellschaft: Lebenslanges Lernen

Die heutige Gesellschaft ist einem ständigen Wandel, einer schnellen Evolution des Wissen unterworfen und mit ihr die Menschen, die Teil dieser Gesellschaft sind. Dieser Wandel verläuft schneller als je zuvor, mit einer riesigen Spannweite und erstaunlicher Unvorhersagbarkeit. Der Mensch der Wissensgesellschaft muss sich also immer weiter bilden. Vorhandenes Wissen wird immer schneller obsolet. Aus dem Bildungsschlagwort »Lernen fürs Leben«, mit dem ich noch aufgewachsen bin, ist längst der Begriff des »lebenslangen Lernens« geworden.

Noch vor etwa 50 Jahren lebte man im Federkissen eines eindimensionalen, auf Kontinuität ausgerichteten Lebenslauf: Schule – Arbeit – Familie – Ruhestand. Dabei hatte der Ruhestand eine andere Qualität als heute. Paul Baltes, Psychologie und Gerontologe am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, schrieb im Jahre 2001:

»Es waren deutlich weniger, die diese Lebensphase erreichten, und die Zeit im Ruhestand war damals kürzer, wie auch der normative gesellschaftliche Druck geringer, aus dieser Lebensphase etwas Produktives zu machen. Der heutige Ruheständler ist damit konfrontiert, diese Lebensphase mit Sinn und Neuem anzufüllen. Auch im Ruhestand gilt es also, nicht nur zu sein, sondern vor allem auch weiterhin zu werden.«

Baltes fragt in diesem Zusammenhang zu Recht:

»Soll der Mensch sich das wirklich antun, sich lebenslang als unfertig zu erleben? Lebenslänglich gefangen im Entwicklungsprozess ohne Ende?«

Dass der Mensch von heute sich ständig unfertig fühlen muss, hängt nicht nur damit zusammen, dass der Zeittakt des Wandels umfassender, alltags- und berufsrelevanter geworden ist. Die Gesellschaft hat sich zu einer globalen entwickelt. Bezog sich der Wettbewerb um den am besten entwickelten und leistungsfähigsten Menschen in der Vergangenheit nur auf ein Dorf, eine Stadt, eine Region oder ein Land, muss sich der ehrgeizige Mensch von heute übernational oder global beweisen und vergleichen. Das fördert den Druck, sich selbst und seine Fähigkeiten ständig zu verbessern, um »kompletter« zu sein als die immer größer werdende Zahl an potentiellen Konkurrenten.

Der Prozess des lebenslangen Lernens erfordern vom heutigen Menschen ganz besondere mentale Fähigkeiten und Charaktereigenschaften. Fachwissen ist zwar wichtig; entscheidend aber ist die Fähigkeit und Bereitschaft, dieses Fachwissen auch effektiv und kreativ in kooperativen Arbeitsprozessen anzuwenden. Nur wer über Eigenschaften wie

  • Optimismus,
  • positives Denken,
  • Offenheit gegenüber dem Neuen,
  • persönliche Handlungskontrolle und
  • Kommunikationsfähigkeit

verfügt, wird sich in der heutigen Wissensgesellschaft dauerhaft gut positionieren können.

Literatur und Quellen

Baltes, Paul B.
Das Zeitalter des permanent unfertigen Menschen: Lebenslanges Lernen nonstop?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B36/2001
Bittlingmayer, Uwe H.
»Spätkapitalismus« oder »Wissensgesellschaft«?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B36/2001
Bonß, Wolfgang
Riskantes Wissen? Zur Rolle der Wissenschaft in der Risikogesellschaft, Heinrich Böll Stiftung, http://www.wissensgesellschaft.org/themen/risiko/riskanteswissen.html
Heidenreich, Martin
Die Debatte um die Wissensgesellschaft (Vortrag vor dem Globalisierungskolloquium am Institut für Soziologie der Universität Erlangen-Nürnberg; 28. Juni 2000).
Merkmale der Wissensgesellschaft (Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung; Stuttgart, Oktober 2001)
Hofmann, Jeannette
Digitale Unterwanderungen: Der Wandel im Innern des Wissens, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B36/2001
Kuhlen, Rainer
Alexander Remler im Gespräch mit Rainer Kuhlen, Wissen lässt sich nicht einsperren, 2001, Telepolis. http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/7526/1.html
Marx, Karl; Engels, Friedrich
Manifest der Kommunistischen Partei, Erstveröffentlichung im Jahre 1848
Mayer, Karl Ulrich; Baltes, Paul B. (Hrsg.)
Die Berliner Altersstudie, Berlin 1996
Nielsen, Jakob
Alertbox for March 15, 1997, Be Succinct! (Writing for the Web), http://www.useit.com/alertbox/9703b.html
Designing Web Usability, 2001, deutsche Ausgabe
Palm, Geodart
Die Welt ist fast alles, was Google ist, 2002, Telepolis. http://www.heise.de/tp/deutsch/special/auf/12187/1.html
Patzwald, Klaus
Bomben für Suchmaschinen, http://www.at-web.de/google/bombs.htm
Raymond, Eric S.
The Cathedral and the Bazaar, 1998, http://firstmonday.org/issues/issue3_3/raymond/index.html
Stehr, Nico
Moderne Wissensgesellschaften, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B36/2001
Wikipedia
Wissensgesellschaft, Wissen, Gettier-Problem, Agrargesellschaft, Industriegesellschaft, Dienstleistungsgesellschaft, Drei-Sektoren-Hypothese, Buchdruck, Weblog